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 Eure Geschichten

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Yhji
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BeitragThema: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:07 pm

Ich wette, jeder von euch hat schon mal ne Kurzgeschichte oder ein Buch geschrieben und das kann man hier reinstellen^^ jeder kann seine Kommentare dazu abgeben^^

Ich tu auch gleich mal mein Buch rein, es ist aber noch lange nicht fertig^^ Wenn es euch gefällt, kann ich die Fortschritte reintun^^ Razz
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Yhji
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:11 pm

Morgentau

Prolog
Japan! Ein wunderschönes Land vor allem in der Zeit, in der diese Geschichte beginnt. Die Kirschblütenzeit. Wo ganz Japan in Rot, Weiß und Rosa strahlt. Dann, wenn die meisten Touristen dorthin kommen, um die wunderschöne Pracht des Frühlings zu sehen. Dann ist die Luft so klar, wie sonst nie, die Vögel singen und man sieht viele lachende Menschen in bunten Kleidern durch die Straßen ziehen, in den schönsten Teehäusern sitzen und sich Geschichten von früher erzählen. In der Kirschblütenzeit hat jeder Zeit, stehen zu bleiben und sich zu unterhalten. Und wenn die Sonne den Boden berührt und die Blüten in ein schönes Licht taucht, kommen alle nach draußen und bewundern die Schönheit. Sobald die Sonne ganz verschwunden ist, wünschen sie sich gute Nacht und gehen in Frieden schlafen. Man kann das Glück in den Gesichtern der Einwohner fast greifen, doch eine Familie hatte damals kein großes Glück, denn als die Vier einen Spatziergang machen und viel Spaß haben, passiert etwas schreckliches. Etwas, das das Leben der beiden Schwestern für immer verändert hat.


1.Teil


Zwei Geschwister




Fuer alle meine Best Friends =)
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Yhji
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:11 pm

1. Kapitel

Meine Schwester Shika wandte sich ab. Ich zog die Knie an und schlang die Arme darum. Vor ein paar Stunden noch hatte ich im Glück geschwebt und nun.. Ich schloss die Augen, während sich die Müdigkeit und Erschöpfung in meine Züge grub. Getrocknetes Blut klebte an meiner zerrissenen Jeans und Ruß bedeckte meiner Haut. Ein langer, tiefer Schnitt zog sich über meine rechte Wange. Ich konnte einfach nicht glauben, was geschehen war. Und damals verstand ich es auch noch nicht. Endlich sah mich meine Schwester an. Tränen hatten helle Linien auf ihre rußgeschwärzten Wangen gemalt. Auch meine Augen brannten. Das Entsetzten stand uns beiden ins Gesicht geschrieben.
„Es ist vorbei.“, flüsterte sie und ihre Stimme war rau und bitter. Ich selbst wagte nicht zu sprechen. Sie stand vorsichtig auf und sah mich an. Ihr gelang sogar ein schwaches Lächeln.
„Komm schon Gin! Ich bin sicher, es...es geht ihnen gut.“ Ihr schwarzes Haar war mit schwarzem Staub bedeckt. Sie war erst acht, doch als meine ältere Schwester war sie für mich die einzige Führungsperson. Als sechsjähriges Mädchen denkt man nicht so viel über solche Sachen nach. Also nahm ich ihre Hand und ließ mich auf die kurzen Beine ziehen. Die Kirschblüten des Baumes, unter den wir uns gerettet hatten waren kaputt und zu Boden gefallen. Ich hustete. Noch schwebte der Staub zwei Meter hoch. Doch erkannte ich abgesplitterten Fels auf dem Boden und zersplitterter Äste. Meine Schwester und ich kletterten über den Schutt. Unsre Augen brannten.
„Mama? Papa?“, rief Shika und zum Schluss hustete sie. Der Staub drang in unsre Lungen und verklebte unsre Augen. Ich schniefte und nun kullerten mir die Tränen über die Wangen.
„Shika? Wo sind Mama und Papa? Warum hat es so geknallt? Sind sie auch weggelaufen?“, fragte ich ängstlich. Meine Schwester sah mich an.
„Ich weiß nicht wo sie sind Gin. Sicher sind sie weggelaufen. Da ist was explodiert. Komm schon! Bestimmt sind sie in die andere Richtung gelaufen.“ Sie packte meine Hand und kletterte über einen umgestürzten Baumstamm. Ich folgte ihr und spürte den Schmerz in meinen Gliedern. Seit dem Knall hatte ich einen leisen Pfeifton im Ohr. Shikas Bewegungen wurden hastiger und sie riss sich die Hände an scharfen Steinen auf, als sie in dem Schutt wühlte. Auch ich fing damit an, wusste allerdings nicht, was sie suchte, bis sie verzweifelter als zuvor nach unsren Eltern rief. Ich schloss mich ihr an und nach zehn Minuten gaben wir auf. Wir kauerten uns auf den Boden, weil wir nicht wussten, wohin wir sollten. Wir umklammerten uns und schluchzten. Da hörten wir Schritte. Sofort hörten wir auf zu weinen und sahen uns hoffnungsvoll an. Wir konnten immer noch nicht weiter als drei Meter sehen, aber sehr wohl hören.
„Glaubst du, hier lebt noch etwas?“, fragte eine Männerstimme und eine andere antwortete.
„Nachschauen sollten wir jedenfalls.“ Wir hörten einen dumpfen Schlag und der erste Mann fluchte. Als Shika klar wurde, dass das nicht unsre Eltern waren fing sie wieder an zu weinen.
„Pst! Hör mal! Da weint jemand! Da hat wohl doch jemand die Miene überlebt.“, rief die zweite Stimme und ihre Schritte wurden lauter.
„Oh! Schau mal! Zwei kleine Kinder!“, rief ein Mann in Polizeiuniform. Der Zweite eilte herbei. Er war auch von der Polizei. Der erste ging vor uns in die Hocke.
„Ist doch gut. Es ist vorbei. Wir bringen euch in Sicherheit. Kommt mit.“, versuchte er uns zu beruhigen, doch als wir uns nur noch fester aneinander klammerten, tätschelte er uns die Wange. „Na? Wie heißt ihr denn?“, fragte er freundlich.
„Shika und das ist meine kleine Schwester Gin. Wo sind unsre Eltern? Was ist passiert?“, schluchzte meine Schwester.
„Also Shika. Das erklären wir später alles. Ich muss hier erst noch etwas untersuchen. Wir bringen euch in Sicherheit.“ Er sah uns sanft an und sein eines Auge schimmerte seltsam. Es war ein Glasauge. Nur weil wir nicht wussten, was wir tun sollten ließen wir uns zu einem Polizeiauto bringen. Die beiden Polizisten redeten kurz miteinander, dann stieg der eine in den Wagen, lächelte uns freundlich zu und startete den Motor. Shika vergrub das Gesicht in den Händen und ich starrte aus dem Fenster und verstand die Welt nicht mehr. Wo waren unsre Eltern hin? Was war geschehen und was hatte der Polizist mit „Da hat wohl doch jemand die Miene überlebt“ gemeint? Was war eine Miene? Wir fuhren eine einsame Straße entlang und ich erinnerte mich daran, dass Shika und ich mit unsren Eltern hier knapp vor einer Stunde lachend nebeneinander hergelaufen waren.
Als wir den Staub verließen und wieder sehen konnten, bemerkte ich, dass der Himmel sich nicht verändert hatte. Er war blau und die Sonne brannte. Ein ganz normaler Mittagshimmel. Wir erreichten das kleine Dorf und die Japaner, die uns sahen winkten aufgeregt.
„Was ist denn passiert? Was ist denn los?“, riefen einige. Die Explosion war wohl nicht unbemerkt geblieben. Doch der Fahrer hupte und die Menschen wichen zurück und versuchten in den Wagen zu spähen. In diesem Dorf waren Shika und ich aufgewachsen. Wir waren oft an diese Straße entlanggegangen. Mit Vater und Mutter. Doch die waren nicht da. Und genau das verstand ich nicht.
Wir hatten gelacht, dann hatte mich Shika an einem Zopf gezogen und ich war ihr lachend hinterhergerannt. Mein Vater hatte meine Mutter in den Arm genommen und gelacht. Meine Schwester und ich auch und wir hatten uns umgedreht und waren vorrausgelaufen. Dann hatte es laut geknallt und alles um uns flog in die Luft. Shika hatte meine Hand genommen und wollte mich in Sicherheit bringen, doch ich war gestolpert und hatte mir das Knie aufgerissen. Sie hatte mir aufgeholfen und als wir schon fast den Baum erreicht hatten, hinter dem wir Schutz suchen wollten, traf mich etwas scharfes an der Wange und nun, wo ich daran dachte, schnellte meine Hand an die Verletzung. Sie war tief und blutete immer noch. Es tat schrecklich weh.
Die Straße war lang und ich wusste genau, was am Ende auf uns wartete. Dort war das Revier. Der Polizist bog um eine Kurve und hielt an. Er stieg aus und öffnete dann vorsichtig die Hintertür.
„Kommt schon. Gleich könnt ihr etwas essen. Und eure Eltern sehen.“ Er gab meiner Schwester die Hand und half dann auch mir heraus. Er nahm meine rechte und Shikas linke. Wir gingen auf das weiße Haus zu. Die Türen öffneten sich automatisch und ich blickte in einen langen Gang. Zögernd betrat ich den Teppich.
„Kommt hier lang.“, munterte uns der nette Polizist auf und wir gingen an mehreren Türen vorbei und blieben schließlich vor einer besonders großen stehen. Ich sah meine Schwester an. In ihren Augen funkelten Tränen und die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ich schluckte. Die Tür öffneten sich unendlich langsam. Ein schmaler Streifen Sonnenlicht fiel in den Flur. Ich blinzelte. Dann betraten wir den Raum. Der Polizist drückte uns auf einen Stuhl. Alles war sehr schlicht hier. Aber ich sah es nicht. Tränen malten helle Spuren auf mein verdrecktes Gesicht. Der Mann setzte sich ächzend in einen Sessel. Dann legte er die Hände auf die Knie und fragte väterlich:
„Also meine Kleinen. Was ist denn nun geschehen?“ Meine Schwester sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an. Ich sah, wie sie sich mit Tränen füllten. Und ich nahm ihre Hand. Sei zitterte einmal und dann erzählte sie alles. Ich hatte mehr Angst als vorher. Sonst hatte es mir immer Mut gemacht, dass meine Schwester sich vor nichts fürchtete. Sie hatte auch die große Spinne genommen und aus dem Fenster geworfen, die einmal auf meinem Kopfkissen gesessen hatte. Aber dass sie nun Angst hatte, beängstigte mich umso mehr. Ich wollte eigentlich nur noch nach hause und etwas essen. Und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als von meinen Eltern einmal heftig umarmt zu werden. Mein Vater hatte das immer gemacht, als er von der Arbeit zurückgekommen war. Doch nun waren sie nicht hier.
Der Polizist musterte uns beide und griff nach dem Telefon. Er redete so leise, dass ich es nicht hörte. Es interessierte mich auch im Moment nicht besonders. Als er aufgelegt hatte, sah er uns nachdenklich an.
„So. Euch bring ich jetzt erst mal wo hin, wo ihr euch ausruhen könnt.“ Ich wusste instinktiv, dass er uns nicht nach hause bringen würde. Trotzdem folgte ich ihm. Was hätte ich auch sonst machen sollen? Wieder stiegen wir in das Auto. Ich sah meine Schwester an, doch sie wandte rasch den Kopf zur Seite. Doch ich wusste, dass sie weinte. Wir kurvten eine lange Straße entlang und am Ende standen wir im Schatten eines großen Gebäudes. Ich erkannte es sofort. Meine Mutter hatte mir erzählt, das dort die Kinder hinkamen, die keine Eltern mehr hatten. Und da begann ich zu begreifen. Ich brachte fast keinen Ton heraus.
„Warum hast du das gesagt?“, fragte ich den Polizisten. Er drehte sich überrascht um, eine hand schon an der Autotür.
„Was den kleine Gin?“ Tränen ließen das Bild verschwimmen.
„Das wir unsre Eltern wiedersehen werden?“ Er wand sich unangenehm.
„Das.. das sag ich dir ein anderes Mal. Komm jetzt. Wir sind da.“ Er öffnete bestimmt die Autotür und nahm mich auf den Arm. Dann ergriff er die Hand meiner Schwester und führte uns zu dem Haus. In der Tür wartete bereits eine Frau auf uns. Sie war noch sehr jung und hübsch. Sie winkte.
„Ich habe euren Anruf erhalten. Komm! Wir bringen die Kleinen unter. Den Papierkram können wir später regeln. Sie wischte sich die Hände an der weißen Schürze ab, die sie umgebunden hatte und lief dann auf uns zu. Sie lächelte freundlich.
„Wie heißt ihr denn?“, erkundigte sie sich.
„Ich heiße Shika.“, nuschelte meine Schwester. Sie lächelte.
„Hallo Shika. Und wie heißt du?“, sie sah mich an. Ich sagte nichts. Meine Schwester sah mich an, doch ich brachte keinen Ton heraus. Der Polizist zuckte mit den Schultern.
„Sie ist meine kleine Schwester. Sie heißt Gin.“ Ich schüttelte den Kopf und Tränen liefen mir aus den Augenwinkeln.
„So will ich nicht mehr heißen! Ich will nicht mehr so heißen! Mama und Papa sind weg!“ Meine Schwester fasste sich schnell und knuffte mir in die Seite. Sie lächelte sogar.
„Ach komm Gin! Sei doch nicht so..“
„Nenn mich nicht so!“, schnitt ich ihr mit erstickter Stimme den Satz ab. Sie streichelte meinen Arm.
„Aber Gin..“, versuchte sie mich zu beruhigen. Doch ich heulte nur noch lauter.
„Hör auf damit Shika! Ich heiße nicht mehr so!“ Die Frau nickte freundlich und streichelte Shika über die Wange.
„Deine kleine Schwester ist ein bisschen verwirrt. Das ist schon in Ordnung.“, flüsterte sie, dann wandte sie sich sanft an mich.
„Wie sollen wir dich dann nennen?“ Ich zögerte, dann kam mir etwas in denn Sinn.
„Haná.“, beschloss ich. Das bedeutete Blüte und so hatte mich meine Oma oft genannt. Ich schniefte, dann legte ich meine kleine Hand in die, welche die Frau mir hinstreckte. Sie lächelte uns beide an.
„Na dann kommt mal mit! Ich zeige euch jetzt eure neuen Zimmer. Dann könnt ihr baden und danach versorge ich eure Wunden. Ich bin Ayumi. Ich versichere euch, hier wird es euch gefallen.“ Sie brachte uns zu dem großem Gebäude. Der Polizist folgte uns.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:12 pm

Das erste, was mir auffiel, als wir das Waisenhaus betraten war, dass hier alles sehr schlicht war. Die Wände waren schmucklos und der Teppich etwas ausgeblichen, aber alles war sauber und sah gut gepflegt aus. Es erinnerte mich etwas an ein Bauernhaus. Ich fühlte mich sofort wohl, obwohl ich immer noch Angst hatte, doch die Frau meinte es nur gut mit uns, das spürte ich. Wir gingen eine lange Treppe hinauf. Ayumi plauderte fröhlich.
„Die anderen Kinder lernt ihr später kennen. Sie sind draußen im Garten.“ Die Treppe knarrte. Ich merkte, wie müde ich war. Und dann ganz plötzlich knickten meine Beine ein. Ayumi fing mich auf.
„Du musst dich ausruhen Haná! Das Bad ist gleich hier.“ In dem langem Flur, den wir nun betraten, waren mehrer Holztüren. Wir gingen an allen vorbei, bis zur letzten. Die Frau öffnete die Tür und schob uns sanft hinein. Das Bad war nicht besonders groß und die Badewanne auch nicht. Aber es war in blau gefliest und sah freundlich aus. In der Wanne dampfte bereits warmes Wasser. Ayumi sah uns freundlich an.
„Zieht euch ruhig schon mal aus und geht rein. Ich hole frische Kleider und den Verbandskasten.“ Sie schloss leise die Tür hinter sich. Wir schlüpften aus unsren Kleidern und kletterten in die Wanne. Es war ein wunderbares Gefühl. Meine Schwester warf mir ein paar unruhige Blicke zu, dann begann sie schließlich.
„Gi....“ Ich warf ihr einen Blick zu und sie verbesserte sich umgehend. „äh.. Haná. Du weißt doch sicher, was jetzt geschehen ist.“ Wieder stiegen Tränen in meinen Augen auf. Ich nickte.
„Shika? Sie sind tot, oder?“ Meine Schwester nickte und ich weinte nun hoffnungslos. Sie nahm meinen kleinen Kopf in die Hände und drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Wir werden auch hier schön leben können. Ayumi ist doch nett.“, versuchte sie mich zu trösten, doch ich spürte, wie eine Träne auf meiner Nase landete. Ich fand sie für acht Jahre sehr tapfer. Wir verharrten einen Moment in der Umarmung, dann wischte meine Schwester ihre Tränen fort und griff nach einem Stück Seife.
„So, jetzt wasch ich dich erst mal. Wenn ich nur halb so dreckig bin wie du, musst du mir auch helfen.“ Sie lächelte und in diesem Moment fragte ich mich zum ersten und lange nicht zu letztem Mal, was ich nur ohne ihr machen würde. Ich war immerhin erst sechs Jahre alt. Wir wuschen uns ausgiebig und planschten dann noch ein bisschen. Ein wenig später kam Ayumi herein. Sie lächelte, wie immer.
„Ach, ihr seid schon fertig? Na, dann mach ich euch gleich mal fertig. Und danach könnt ihr gleich schlafen. Die anderen stelle ich euch morgen vor. Es wird schon dunkel draußen und sie schlafen schon.“ Sie holte ein flauschiges Handtuch und hob mich aus der Wanne. Ich mochte Ayumi inzwischen schon sehr gerne. Sie trocknete mich sorgfältig ab und föhnte mir dann die langen, schwarzen Haare. Zuletzt half sie mir in das grüne Wollkleid, das sie für mich ausgesucht hatte. Es war sehr schlicht und hatte nur ein dunkelgrünes Band, womit man es um den Bauch herum befestigen konnte. Als sie auch Shika abgetrocknet und in ein grünes Kleid gekleidet hatte, machte sie sich über unsre Haare her. Mir war nun alles egal. Mein Kopf war leer. Ich erinnerte mich nicht an meinen Namen und versuchte auch die Tatsache, dass Mama und Papa tot waren zu verdrängen, aber es funktionierte nur schlecht. Aber vor Ayumi wollte ich nicht weinen. Ich wollte sie nicht traurig machen. Sie gab sich so viel Mühe.
Als sie fertig war, hatte meine Schwester einen langen Zopf und ich zwei. Sie strich uns beiden über die Wange und zeigte wieder ihr freundliches Lächeln.
„Dann versorgen wir jetzt mal eure Verletzungen.“ Sie schmierte mir eine Salbe auf den Schnitt in meiner Wange. Es brannte und ich zitterte. Dann klebte sie ein Pflaster darauf. Anschließend betupfte sie mein Knie mit Jod, was nicht weniger unangenehm war und versah auch diese Verletzung mit einem Pflaster in der Größer einer Schafkopfkarte. Shika war mit dem Schreck davon gekommen. Wieder lächelte uns Ayumi an.
„So. Jetzt kommt ihr mit in eure Zimmer. Euch wurden die meisten von euren Sachen schon gebracht. Der Rest kommt morgen. Zur Frühstückszeit wecke ich euch. Aber jetzt müsst ihr erst mal schlafen. Ihr schlaft heute zu zweit in einem Zimmer. Wenn ihr euch mit den anderen besser versteht, kommt ihr in ein größeres Zimmer.“ Sie brachte uns in ein Zimmer, gleich neben dem Bad. Es war Kaum größer, als eine Pferdebox. Ein Hochbett stand darin und ein kleiner Kleiderschrank. Ein Fenster zeigte ein Stück dunkelblauen Himmel und der Boden war mit einem dünnem, braunem Teppich bedeckt. Die Betten waren bezogen und auf dem Kopfkissen von dem Unterem lag mein weißer Teddybär. Ich schnappte ihn mir und drückte ihn fest an meine Brust. Ich brauchte jetzt etwas, das Heimat für mich bedeutete. Ayumi half Shika ins obere Bett und deckte mich zu. Dann gab sie uns beiden einen Kuss.
„Schlaft gut, meine Kleinen.“ Sie machte das Licht aus und ging. Heute war zu viel passiert. Ich hatte es alles noch nicht begriffen. Ich war halt doch noch sehr jung. Außerdem war ich erschöpft vom vielem Weinen und redete mir einfach ein, zuhause in meinem Bett zu liegen und dass nicht Ayumi, sondern meine Mutter mir gerade den Kuss gegeben hatte. Es klappte ganz gut und ich spürte, wie meine Lider schwer wurden. Doch ganz tief in meinem kleinem Herz wurde mir nun endgültig bewusst, dass meine Mutter mir nie mehr einen Kuss geben würde. Ich spürte noch, wie eine Träne über meine Wange rollte, dann glitt ich ins Reich der Träume. Doch selbst meine Träume waren so fremd, wie dieses kleine Zimmer und wie mein neues Leben. Hier und in diesem Bett legte ich meinen alten Namen Gin zusammen mit meinem altem Leben endgültig ab. Nichts würde mehr so sein wie früher. Nichts. Außer die Kirschblüten.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:13 pm

2. Kapitel

Als ich aufwachte, fiel bereits helles Sonnenlicht in das kleine Zimmer. Ich musste keine Sekunde überlegen, um zu wissen, wo ich war. Ich erinnerte mich an alle Einzelheiten. Meine Augen waren rot und geschwollen. Sie brannten und ich hätte gleich wieder weinen können. Ich vermisste Mama und Papa und mein Zuhause und überhaupt alles, was jetzt nicht mehr so sein konnte, wie früher. Ich hörte Shika, die sich im Schlaf unruhig in ihrem Bett hin und her wälzte. Wenigstens hatte ich sie noch. Ich lutschte an meinem rechtem Daumen und in der Linken hielt ich meinen Teddy. Ich war hell wach und traurig. Außerdem war es sehr heiß in unsrem Zimmer. Ich stolperte auf meinen kurzen Beinen unbeholfen zum Fenster und wollte es öffnen, doch es war zu weit oben. Meine Ärmchen waren zu kurz und ich erreichte es nicht, so sehr ich mich auch streckte. Ich sah mich suchend um. In diesem Zimmer gab es echt nichts. Nicht mal Bilder. Doch dann entdeckte ich einen kleinen Stuhl. Unter großer Kraftanstrengung beförderte ich ihn zum Fenster und kletterte hinauf. So kam ich gut an das Fenster heran. Ich öffnete es und sog gierig die frische Morgenluft ein. Dann sah ich hinaus und stellte fest, das unser Fenster direkt über dem Garten war. Er war nicht so groß und es stand nur ein großer Baum darin. Dieser blühte in einem wunderschönem Rosa und der Morgentau sammelte ich in den Blüten. Ich streckte die Hand danach aus, auch wenn ich wusste, dass ich sie nicht erreichen konnte. Eine Amsel landete direkt vor meiner Nase und piepte mich an. Ich lächelte traurig. Sie blinzelte mit ihren schönen schwarzen Knopfaugen. Ich stützte die Ellebogen auf das Fensterbrett.
„Ach Amsel. Ich bin so traurig.“, schniefte ich und der Vogel legte den Kopf schief. Es sah so aus, als fragte er, warum. „Ich werde Mama und Papa nie wieder sehen.“ Ich schlug die kleinen Kinderhände vors Gesicht und weinte. Diese heftige Bewegung erschreckte den Vogel und er flog davon. Der Zweig, auf dem er gesessen hatte, vibrierte und Tau flog glitzernd durch die Luft. Ich drehte mich mit einem letztem Schniefen wieder um und kletterte von dem Stuhl.
An der Wand hing eine Uhr, doch trotzdem wusste ich nicht, wie spät es war. Ich konnte schließlich die Uhr noch nicht lesen. Das bekam man ja erst in der ersten Klasse beigebracht und ich war ja noch im Kindergarten, auch wenn ich in drei Wochen eingeschult werden sollte. Ich hatte mich so darauf gefreut, doch jetzt wollte ich nicht mehr. Ich wollte, das meine Mutter mir die Schultüte, die mein Vater mit Überraschungen gefüllt hatte, gab, so wie es auch an Shikas erstem Schultag gewesen war und wieder weinte ich. Davon wachte Shika auf. Sie rieb sich die mandelförmigen Augen und sah sich verwirrt um. Auch ihre Augen waren rot. Sie musste gestern Nacht noch sehr lange geweint haben. Sie sah mich an und sie schien plötzlich um Jahre älter.
„Guten Morgen Gin.“ Dieser Name klang fremd in meinem Ohr, obwohl ich ihn schon oft gehört hatte. Ich senkte die großen Augen zu Boden.
„Shika. Ich bin nicht mehr Gin. Ich bin Haná.“ Meine Schwester seufzte und kletterte aus dem Bett. Sie kniete sich vor mich. Ihre honigfarbene Haut war mit ein paar Schrammen verunstaltet.
„Ich hatte gehofft, dass du das über Nacht vergessen hast.“, seufzte sie. Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Das vergesse ich nie. Mach dich darauf gefasst, dass ich mich völlig ändere.“ Meine Augen blieben trocken, während ich das sagte, doch Shika begann leise zu schluchzen.
„Ich erkenne dich nicht wieder. Bist du wirklich noch meine Schwester? Was haben sie mit dir gemacht, dass du so redest?“ Sie umarmte mich fest, schon fast verzweifelt. Und nun stiegen mir doch Tränen in die Augen. Ich klammerte mich an meine Schwester, wie ein Ertrinkender und spürte, wie wir diesen einen Gedanken teilten. Wir würden immer zusammen gehören, egal, was geschah.
Sie lächelte plötzlich und drückte mich noch fester.
„Auch wenn.... wenn Mama und Papa nicht mehr da sind, haben wir ja immer noch uns! Wir werden schon klar kommen.“ Sie packte alle Zuversicht in diese Worte, die sie fassen konnte, doch ihre Stimme zitterte leicht. Ich schluckte schwer und versuchte mich ein für alle Mal daran zu gewöhnen, dass die Schritte, die sich jetzt unsrer Zimmertür näherten nicht zu unserer Mutter, sondern zu Ayumi gehörten.
Rasch wischten wir uns die Tränen weg und versuchten, ein munteres Gesicht aufzusetzen, was meiner Schwester um einiges besser gelang als mir.
Die Tür wurde vorsichtig und leise geöffnet. Ayumi lächelte genau so, wie gestern und allmählich fragte ich mich besorgt, ob es ihr wohl im Gesicht festgefroren war und ob es überhaupt echt war, doch es erreichte ihre Augen und mein Herz wurde warm.
„Hallo ihr Beiden! Und wie geht es euch heute? Ihr seht furchtbar erschlagen aus. Kommt, ich helfe euch beim anziehen und dann gibt es Frühstück. Danach lernt ihr auch die anderen Kinder kennen. Sie sind schon ganz aufgeregt.“ Mit zwei Schritten war sie bei mir und nahm mich auf den Arm. Dann ging sie zu einem kleinen Schränkchen und holte das grüne Wollkleid hervor. Während sie mir hineinhalf, schlüpfte Shika selbst in ihres.
Ayumi fuhr mit ihren langen, schlanken Händen durch unsere Haare und band sie mit einem grünem Band zusammen.
Als wir die Treppe hinunterstiegen wurde ich immer aufgeregter. Was wohl die anderen Kinder von uns halten würden? Ich fasste mit meiner kleinen Hand Ayumis Finger so fest ich konnte und biss mir auf die Lippe. Der Weg kam mir wie eine Ewigkeit vor und während wir über den Teppich zu einer Tür gingen, drang lautes Geplärre an meine Ohren.
Der Raum, den wir nun betraten, schien überhaupt nicht zu dem restlichen, etwas altmodischem Heim zu passen. Die Wände waren zwar auch holzgetäfelt, doch nicht mit Teppichen oder einem gerahmten Kunstwerk geschmückt, sondern mit lauter Bildern, die mit irgendeinem Gekrakel beschmiert waren, auch wenn hier und da mal ein Bild dabei war, auf dem man etwas erkennen konnte. Sie waren eindeutig von Kindern gemalt worden, und so komisch sie auch waren, sie verliehen dem Raum etwas munteres und kindliches. Eine große Terrassentür neben zwei Fenstern mit bunten Gardienen, stand weit offen und zeigte etwas von dem Garten, mit den Bäumen und einer Schaukel. Mitten im Raum stand ein niedriger Tisch, um den sich einige Kinder versammelt hatten, die uns nun alle gespannt anstarrten. Sie hatten ihre Beschäftigungen sofort eingestellt, als wir das Zimmer betraten. Es war, als hätte jemand einen Stopknopf gedrückt.
Ich musterte sie mindestens genau so neugierig, wie sie mich. Alle sahen mehr oder weniger glücklich und sauber aus. Ich konnte noch nicht richtig zählen, aber es waren so viele, dass ich sie nicht mehr an den Fingen abzählen konnte. Jungen wie Mädchen von 6 bis zehn Jahren waren da, doch sie schienen sich nicht im mindesten darum zu scheren, dass sie unterschiedlich alt waren. Sie sahen einfach aus, wie eine große Familie.
Ayumi ging mit einem breitem Lächeln in den Raum hinein und bat überflüssiger Weise um Ruhe.
„Hey Kinder! Das hier sind Shika und Haná! Sie sind sehr gut erzogen und ihr werdet euch sicher gut mit ihnen verstehen! Bitte kümmert euch ein bisschen um sie!“ Kaum hatte sie uns zu dem Tisch geführt uns auf die kleinen Stühle gedrückt, da begannen die Kinder auch schon wieder mit ihren Beschäftigungen fortzufahren. Ayumi gab uns etwas von den puderzuckerbestreuten Waffeln und tätschelte mir leicht den Kopf.
Ich war sehr damit beschäftigt, das alles zu verarbeiten. Das laute Lachen der Kinder und ihr Gequassel war ziemlich ungewohnt, so bemerkte ich den kleinen Jungen zuerst gar nicht, der sich neben mir auf einen Stuhl quetschte und seine Bauklötze auf den Tisch knallte. Erschrocken fuhr ich zusammen und starrte ihn, einen puderzuckerbestäubten Finger in den Mund gesteckt neugierig an. Er grinste und präsentierte stolz seine zwei Zahnlücken.
„Hallo! Willst du mit mir Bauklötze bauen?“ Den Finger immer noch im Mund, zuckte ich überrascht von dieser Frage die kleinen Schultern. Er zögerte kurz, dann bohrte er einen blauen Holzklotz mitten in meine Waffel und grinste wieder. Ich lächelte ein wenig belustigt. In diesem Moment hörte ich eine sanfte Melodie zum Fenster hereinwehen.
Als ich aufsah, lächelte Ayumi.
„Das ist Anna, eine unsrer Ältesten. Sie ist schon zehn und sie kann unglaublich gut Querflöte spielen.“ Ich warf kurz einen Blick zu Shika, die ganz verloren zwischen zwei kleinen Mädchen, die höchstens vier waren und auf sie einplapperten in ihrem Essen herumstochern, dann glitt ich von meinem Stuhl und lies den Jungen mit seinen Bauklötzen alleine. So schnell ich konnte rannte ich die Treppe hinauf zu unsrem Zimmer. Diese Melodie hatte Mama immer gesummt, wenn sie traurig war und die Vorstellung, dass Mama vom Himmel heruntergekommen war, um sich zu verabschieden, war so berauschend, dass ich fest davon überzeugt war. Meine kleinen Füße machten auf dem glatten Holzboden fast kein Geräusch, als ich ihn entlang hastete. Eine schwarze Strähne löste sich aus meinem Zopf und fiel mir in das kleine Gesicht. Hastig stolperte ich in unser Zimmer, das mir so fremd vorkam und stürzte ans Fenster. Kaum war ich auf den Stuhl geklettert und hatte mich zum Fenster hinausgelehnt, als sich bittere Enttäuschung in mir breit machte. Das Mädchen, das dort in den Ästen des Kirschbaumes saß und Querflötet spielte, war nicht meine Mutter. Sie trug ein grünes Kleid so wie wir alle anderen auch und ihr Haar war ebenfalls zu einem Zopf gebunden.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:13 pm

Ich seufzte und meine Augen begannen zu brennen. Ich zog die kleine Nase kraus und schniefte. Bei diesem Geräusch unterbrach das Mädchen sein Spiel und drehte sich um. Als es mich entdeckte lächelte es und der Wind, der in diesem Moment Tautropfen durch die Luft wehte, ließ das ganze sehr beeindruckend aussehen.
„Hallo! Bist du nicht die neue? Ich bin Anna!“ schüchtern zog ich die Schultern hoch.
„Ja, ich bin Haná.“ Mit einem Blick auf ihre Flöte meinte ich vorsichtig: „Du spielst sehr schön.“ Sie lächelte noch breiter.
„Danke! Es macht mir auch sehr viel Spaß.“ Ich biss mir auf die Lippe und wagte noch etwas.
„Das würde ich auch gerne können.“ Ihr Augen funkelten.
„Ich kann es dir beibringen! Wirklich, das macht mir gar nichts aus. Komm her! Ich helfe dir.“ Plötzlich war sie ganz begeistert und stand auf dem Ast. Dann balancierte sie wie eine Hochseilartistin zu mir hinüber und reichte mir die Hand. Entgeistert starrte ich sie an.
„Na komm! Das schaffst du schon!“ Ich schluckte meine Angst hinunter und stellte mich vorsichtig auf das Fensterbrett. Dann setzte ich einen Fuß auf den Ast und im nächstem Moment saß ich neben Anna auf dem Baumstamm. Sie lächelte.
„Und? Das war doch gar nicht so schwer.“ Ich lächelte schüchtern und schüttelte den Kopf, doch als ich dann auf den Boden hinunter sah, der weit weg war, musste ich noch einmal schwer schlucken. Da drang wieder das Lied an meine Ohren und meine Augen füllten sich mit Tränen. Als sich dann die erste von meinen Wimpern löste und über meine Wange rollte, unterbrach Anna wieder ihr Spiel und musterte mich.
„Warum weinst du?“ Ich wischte mir die Träne mit dem Handrücken ab und blinzelte in den Himmel, der wunderbar blau war und so gar nicht zu meiner Stimmung passte.
„Es erinnert mich an meine Mama. Sie ist gestern gestorben.“ Anna senkte die Augen und ihre langen schwarzen Wimpern fächerten übereinander.
„Das tut mir Leid. Meine ist auch tot. Das ist noch gar nicht so lange her.“ Ich sah zu ihr und die Bitterkeit in ihrer Mine war unverkennbar.
„Warum? Warum ist sie gestorben?“ Anna schüttelte leicht den Kopf.
„Nicht so wichtig. Es war eine Krankheit.“ Als sie dies sagte, wusste ich instinktiv, dass da mehr dahinter steckte und meine Befürchtung sollte sich auch als richtig erweisen. Doch damals wusste ich noch nicht, wie stark das ihr Schicksal beeinflusst hatte.
Als sie mich wieder ansah, bemerkte ich, dass ihre Augen merkwürdig feucht schimmerten und mir war klar, dass sie den Tränen nahe war. Dann lächelte sie, als würde sie über sich selbst lachen und wischte sich über die Augen.
„Weißt du, dass du für deine sechs Jahre ganz schön tapfer bist? Ich habe damals wirklich viel geweint.“ Ich schwieg, dann lächelte ich leicht.
„Kannst du mir bitte das eine Lied beibringen?“ Sie sah so aus, als hätte sie sich plötzlich wieder daran erinnert, warum sie mich auf den Baum geholt hatte und begann mir die verschiednen Griffe zu erklären und ich hörte aufmerksam, dankbar über die Ablenkung zu. Immer wieder bat ich sie Teile vorzuspielen und zum Schluss durfte ich es sogar selbst versuchen. Es gelang mir sogar, die ersten paar Takte vorzuspielen.
Die Sonne war gewandert und allmählich wurde es wieder kühler. Die Blätter rauschten in dem sanften Wind und die Kinderstimmen verstummten allmählich.
Plötzlich flog das Fenster neben uns auf und Shika lehnte sich vollkommen außer Atem dagegen, doch als sie mich auf dem Baum sah, stieß sie einen erschrockenen Schrei aus.
„Gin... äh Haná! Um Himmels Willen komm da runter! Ich hab dich überall gesucht!“ Ich fuhr zusammen. Wahrscheinlich hatte sie sich schreckliche Sorgen gemacht.
„Danke Anna! Aber ich glaube ich muss jetzt zu meiner Schwester.“ Ich stand auf und ging ganz vorsichtig den Ast entlang. Shika lehnte am Fenster und sah so aus, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen.
„Passt auf! Bitte falle nicht runter!“ Kaum war ich in ihrer Reichweite, als sie mich auch schon schnappte und ganz fest an sich drückte. Ich hörte sie in mein Haar schluchzen.
„Um Himmels Willen Haná! Ist es damit nicht schon genug, dass Mama und Papa gestorben sind? Musst du dich jetzt auch noch in Lebensgefahr bringen? Willst du, dass ich dich auch noch verliere?“ Ich klammerte mich an ihre bebenden Schultern und fing ebenfalls an zu schluchzen, als mir klar wurde, welche Angst ich ihr gemacht haben musste. Ich presste meinen Kopf an ihre Schulter und drückte sie ganz fest.
„Ich mach’s nie wieder! Ich versprech’s!“, rief ich und Shika streichelte mir den kleinen Kopf., dann richtete sie sich auf und funkelte Anna an.
„Wer bist du, dass du ein sechsjähriges Mädchen dazu bringst, auf einem Baum zu klettern?“ Anna sah auf, überrascht, das ihr die Schuld gegeben wurde.
„Ich wollte ihr nur helfen.“ Ich tippte sanft meine Schwester an.
„Das stimmt. Wirklich!“ Doch Shika war wirklich wütend.
„Na, dass ist ja eine tolle Art zu helfen!“, fauchte sie und Anna sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann erhob sie sich und ging zum Stamm, wo ein Seil baumelte, Ohne ein Wort ergriff sie es und schwang sich um den Baum, sodass wir sie nicht mehr sehen konnten. Kurz darauf setzte ihr Spiel wieder ein.
Ich kniff die Augen zusammen, bereit für Shikas Wutausbruch, doch er blieb aus. Stattdessen lehnte sie sich an die Wand und seufzte schwer.
„Ich hätte das nicht sagen sollen, ich habe überreagiert. Jetzt tut es mir Leid.“, murmelte sie. Ich Kannte das schon von ihr und umarmte sie mit meinen kurzen Ärmchen, die gerade mal um ihre Taille herumreichten und vergrub mein Gesicht in den Falten ihres Kleides. Sie strich mir sanft über den Kopf und schloss dann erschöpft sie Augen. So standen wir noch mindestens fünf Minuten da und als Shika sich innerlich wieder gefasst hatte, ging sie zum Fenster. Verwundert sah ich ihr nach und als sie ich vorsichtig auf das Fensterbrett setzte und die Füße auf den Stamm legte, wusste ich was sie vorhatte und taumelte ein paar Schritte zurück. Shika hatte Höhenangst und deshalb würde sie schneller das Gleichgewicht verlieren als ich.
Als ich wieder in der Lage war mich zu bewegen war es bereits zu spät. Shika kroch, den Blick starr auf den Baumstamm geheftet und bemüht keinen Blick nach unten zu verschwenden. Ich sah sie schon fallen und rannte panisch zum Fenster. Jetzt wusste ich, wie sie sich Gefühlt hatte, als ich mit Anna auf dem Baum gewesen war. Ich hatte panische Angst um sie.
„Shika!“, rief ich und rüttelte an dem Papierrollladen, der an dem Fenster befestigt war. „Komm zurück! Du hast Höhenangst!“ Doch Shika achtete nicht auf mich und rutschte unbeirrt Zentimeter für Zenitmeter von mir weg. Ich begann aus lauter Hilflosigkeit zu weinen und plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter, so plötzlich, das ich zusammenzuckte und herumfuhr. Ein schlanker Junge mit dunklen Augen und etwas längerem, Kohlraben schwarzem Haar drückte mir die Schulter und lächelte zu mir hinunter. Ich konnte mich dunkel daran erinnern, dass ich ihn heute Früh schon gesehen hatte.
„Warum weinst du denn, kleine Haná?“, fragte er freundlich und ich erinnerte mich wieder, warum ich weinte und deutete zum Fenster.
„Meine Schwester!“, heulte ich und schniefte. „Sie hat Höhenangst! Sie wird fallen!“ Ich begann noch heftiger zu schluchzen und nach kurzem Überlegen sprang er auf das Fensterbrett und lief leichtfüßig über den Ast, bis er bei Shika war, doch die schien ihn nicht zu bemerken und ergriff das Seil, das am Stamm baumelte, dann schwang sie sich davon durch die Kirschblüten hindurch. Ich beobachtete das alles, die Finger fest in die Falten meines Gewandes gekrallt. Die Tränen begannen bereits zu trocknen und mein Herz schlug wieder etwas langsamer.
Der Junge drehte sich um und kam zurück. Er bewegte sich so selbstverständlich über den Ast in vier Meter Höhe, als hätte er nie etwas anderes getan. Er war wahrscheinlich ein paar Jahre älter als ich und ging bereits in die Schule.





So weiter binich noch nicht Very Happy ich hoff mal, es gefällt euch Wink
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Coconut
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:29 pm

Naja, du weißt ja wie ich sie finde.. Hammergeil <3
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Yhji
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 7:30 pm

Danke I love you (sie tut so als hätte sies gelesen, dabei hat sie das gar nciht^^ aber kennen tut sies trdm) Razz
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Coconut
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 02, 2009 8:01 pm

Haha xP Wer sagt, dass ich sie nicht gelesen hab!? Twisted Evil
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   So Mai 03, 2009 7:11 pm

Ich find sie geil, ich selber wär zu faul um so was auf die Beine zu bringen. Rolling Eyes
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Yhji
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   So Mai 03, 2009 10:27 pm

Dankeschööön <3 ich poste einfach rein, wenn ich weiter bin^^ cherry
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fress*monsterchen
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Mo Mai 04, 2009 5:46 pm

sehr interessant^^


Zuletzt von fress*monsterchen am Do Mai 07, 2009 4:50 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Yhji
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Mi Mai 06, 2009 4:48 pm

Es geht weiter^^Mit einem verschmitzen Grinsen sprang er neben mir auf den Boden.
„Na siehst du? Ist ihr doch nichts passiert.“, meinte er freundlich und ich nickte nur stumm. Ich fing mich langsam wieder und er strich sich eine schwarze Strähne aus der Stirn.
„Ich bin Janosch.“, stellte er sich schließlich vor und ich lächelte ihn schüchtern an. Die Geschichte von seinen Eltern wollte ich gar nicht hören. Es lag zu viel Traurigkeit in meinen eigenen Erfahrungen, die ich verarbeiten musste, dass ich das jetzt nicht auch noch schaffte. Also drehte ich mich um und ging langsam den Flur entlang, doch er holte lässig auf und ging, die Hände tief in den Hosentaschen neben mir her.
„Weißt du, ich spiele auch Querflöte, zwar nicht so gut wie Anna, aber immerhin.“ Er grinste und ich wusste, dass er mich trösten wollte und war dankbar für die Ablenkung.
„Ja, sie spielt wunderschön. Ich würde das auch so gerne lernen und Anna bringt es mir gerade bei.“ Er lachte und es klang sehr belustigt.
„Ich wette, du wirst eine wunderbare Flötistin werden.“ Als er so den Hals in den Nacken legte sah ich eine Narbe, die sich von seiner rechten Schulter bis zum Kinn zog und weis schimmerte.
Rasch wandte ich den Blick ab und starrte auf meine Hände. Er sah auf mich hinunter und sein Lächeln wurde ein wenig blasser.
„Morgen wirst du eingeschult. Pass auf, die verzogenen Kinder werden dich wie Dreck behandeln.“ Ich blickte wieder auf und meine schwarzen Haare schwangen hin und her, als ich heftig den Kopf schüttelte.
„Nein, das glaube ich einfach nicht!“ Auf einmal leuchteten meine Augen auf und ich lächelte. „Weißt du, Shika geht auch zur Schule und bei ihr sind alle nett. Warum sollte es anders sein?“ In seine Augen trat ein trauriger Ausdruck und er kniete sich vor mich und nahm meine Hände in seine.
„Hör zu Haná. Du bist eine Waise. Du hast nicht mehr so viel Geld wie davor, du wirst anders aussehen, als die anderen. Das wird sie erschrecken und sie werden gemein zu dir sein.“ Erschrocken wandte ich den Blick ab. Damals wusste ich noch nicht, wie viel das bedeutete, wenn man jemanden hatte, der einem die Wahrheit sagte, so hart sie auch war. Janosch sagte immer hundert Prozent die Wahrheit und das war nicht immer angenehm, aber es stimmte immer.
„Oh.“ In seine Augen trat ein besorgter Ausdruck und er deutete auf meine Wange, wo ein Pflaster klebte. Blut sickerte darunter hervor und Janosch holte ein Stofftaschentuch aus de Tasche und tupfte es vorsichtig ab. Dann grinste er mich an und tippte mir auf die Nase.
„Weißt du was? Ich warte morgen nach der Schule auf dich, dann zeig ich dir einen tollen Platz, wo ich immer hingehe, wenn ich alleine sein will, ja?“ Ich lächelte wieder und rief:
„Oh, das ist aber nett von dir!“ Er lachte, dann sah er mich wieder an.
„Du solltest mehr lachen! Das steht dir gut.“ Dann sprang er auf und ging. Verwundert sah ich ihm nach. So jemanden wie ihn hatte ich noch nie getroffen.

Am nächstem Tag war mein erster Schultag. Und obwohl er nicht so war, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, war ich schrecklich aufgeregt. Shika ging mit Anna auf eine andere Schule, da die beiden eingeschult worden waren, bevor ihre Eltern gestorben waren, doch ich ging nun mit Janosch und ein paar anderen auf die gleiche Schule.
Doch auch wenn Ayumi sich wirklich bemüht hatte, konnte sie den Tag nicht so machen, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Sie hatte kein Geld für eine Schultüte und sie war nicht meine Mutter. Aber sie hatte einen Kuchen gebacken, um mich zumindest etwas aufzuheitern. Jetzt wusste ich, wie es war, erst den Eltern beraubt zu werden und dann mit der Welt zurechtzukommen. Mir stand es nicht mehr zu, zu trauern, nicht zu weinen, nicht zu schreien, sondern ich sollte das dauergrinsende Mädchen werden, das den Tod ihrer Eltern nach zwei Tagen weggesteckt hatte, doch das konnte ich nicht.
Ein sanfter Wind strich mir ins Gesicht und ließ die Blütenblätter in Wolken durch die Luft fliegen. Der Himmel war strahlend blau und für alle anderen fing der Alltag wieder an. Männer in Anzug und Krawatte oder Frauen auf hohen Schuhen mit eleganten Röcken und schlackernden Aktentaschen kamen uns entgegen und wir schlängelten uns durch die Menge.
Vor Aufregung zitterte ich richtig samt meines braunen Lederschulranzens. Heute hatte mir Ayumi zur Feier des Tages einen Pferdeschwanz gemacht und ich hatte ein blaues Kleid an. Janosch trug ein blaues Hemd und eine ausgewaschene Jeans. Sein Haar fiel ihm wirr in die Stirn und viele junge Mädchen drehten sich nach ihm um, wenn er vorbeiging, auch wenn er erst zehn war. Er beugte sich zu mir hinüber und fragte:
„Ist gestern eigentlich noch was gutes zwischen deiner Schwester und Anna rausgekommen?“
„Sie haben sich vertragen. Aber ich glaub Freunde sind sie trotzdem nicht.“ Janosch seufzte schwer und schob die Hände tiefer in die Taschen.
„Gleich sind wir da.“, murmelte er und streckte die Hand aus. Ein wenig enttäuscht ließ ich die Schultern Fallen. Das Gebäude, das zwischen zwei ausladenden Kirschbäumen stand, war schon ziemlich alt. Es hatte noch das Typische, spitze Dach und auch alles andere sah noch sehr altmodisch aus. Doch das war es nicht, was mich enttäuschte, sondern dass die Schule so klein war. Ich sah auch nur wenige andere Schüler, die darauf zusteuerten. Vor der morschen Tür küsste Ayumi mich auf die Stirn und rief uns dann noch hinterher:
„Viel Spaß ihr beiden!“ Mein Herz zog sich zusammen, als Janosch mich am Ärmel zupfte und in das Gebäude hineinzog.
„Pass auf. Wir beide haben immer nur drei Stunden! Nach der Schule kommst du einfach wieder hier her!“ Ich sah mich um. Dieser Raum war komplett aus Holz und an den roten Türen blätterte die Farbe ab. Nicht sehr behaglich, aber daran würde ich mich wohl gewöhnen müssen. „Geh da rein! Viel Glück und bis später!“ Dann war er plötzlich weg und ich stolperte völlig verwirrt auf die mir gezeigte Tür zu. Andere Kinder, die nicht viel größer waren als ich, gingen an mir vorbei und einige rumpelten mich mit ihren Schultern an, sodass ich aus dem gleichgewischt kam. Orientierungslos schwankte ich auf die Tür zu, wo mich ein überholendes Mädchen mit Jeans und pinkem T-Shirt mich vollends aus dem Gleichgewicht brachte. Ich klatschte der Länge nach hin, direkt vor dem erstem Pult, wo bereits zwei Schüler saßen.
„Haha!“, johlten diese und zeigten, sich kugelnd vor Lachen auf mich. Zuerst wusste ich gar nicht, dass sie über mich lachten und setzte mich verwirrt auf. Da drehte sich das Mädchen, was mich umgeschupst hatte um. Ich blickte zu ihr auf. Sie hatte ein zuckersüßes Lächeln aufgesetzt und streckte mir Kaugummikauend die Hand hin.
„Oh, hab ich dich umgeschupst, Kleine? Tut mir Leid. Komm ich helfe dir auf!“ Der Honig tropfte nur so von ihren Lippen, doch ich hatte bisher noch keine Bosheit erfahren und witterte die Häme und Lüge nicht. Dankbar griff ich nach ihrer Hand und ließ mich hochziehen, doch an der Hälfte ließ sie meine Hand los und ich fiel wieder zurück auf den Boden. Die ganze Klasse lachte laut auf und schlug mit den Bleistiften gegen die Tischkanten. Erst jetzt merkte ich, dass das alles Absicht war und kam mir gedemütigt vor. Zornig richtete ich mich auf, sagte aber nichts, allerdings hörte ich den Jungen in der ersten Reihe seinem Sitznachbarn höhnisch zumurmeln:
„Oho! Das Waisenkind wird mutig.“ Zielstrebig steuerte ich auf den Platz in der letzten Reihe am Fenster zu, ohne irgendwen eines Blickes zu würdigen. Ich musste mehren Beinen ausweichen, die mir gestellt wurden und hörte überall das Gemurmel über das dreckige Waisenkind. Tränen stiegen in meinen Augen auf, doch ich kämpfte sie nieder. Es waren nur noch zwei Meter bis zu meinem Platz.
„Hey! Was ist das denn überhaupt für ein Sack den du da auf dem Rücken hast?“, rief mir wieder das Mädchen nach, doch ich ignorierte es und ließ mich auf den freien Stuhl in der Ecke fallen, stellte die Schultasche daneben und machte mich so klein wie möglich, denn ich sah, wie ich hier mit meinem altmodischem Kleid herausstach. Alle Kinder hier hatten noch Eltern und ihre Schulkleidung war modisch und neu. Sie alle tuschelten mit ihren Sitznachbarn und warfen mir dabei immer wieder belustigte Blick zu. Ich ignorierte es und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Tafel war etwas lädiert und der Raum war ziemlich Klein. Es standen nur acht Bänke darin. Das Pult war morsch und die Wände schmucklos. Ich war heilfroh, dass ich am Fenster saß und blickte hinaus. Direkt davor stand ein Baum mit vollen, rosanen Blüten, in denen noch der Morgentau schwamm.
Die restlichen Schüler kamen herein und alle warfen mir hämische Blicke zu, bevor sie sich neben ihre Freunde setzten. Ich blieb alleine an meinem Tisch und es saß auch keiner neben mir, als endlich die Tür aufflog und eine ältere Dame mit grauem Haar, das sie zu einem Knoten gebunden hatte, einer großen Brille auf der krummen Nase, hereinkam. Sie erinnerte mich an eine Elster, denn ihre schlitzförmigen Augen hatten einen Glanz von Heimtücke in sich. Als die andern das klackern ihrer Schuhe vernahmen richteten sie ihre Aufmerksamkeit nach vorne. Die Dame knallte ihre Tasche auf den Tisch und lächelte. Mich überraschte, dass eine so verklemmte Frau mit so einem strengem Blick zu so einem warmen Lächeln in der Lage war.
„Guten Morgen Kinder! Und Herzlich willkommen hier auf eurer Schule. Mein Name ist Frau Sylja. Stellt euch doch bitte der Reihe nach vor. Ich fange einfach an.
Hallo, mein Name ist Frau Sylja, ich fahre gerne Rad und meine Eltern sind beide Lehrer.“ Mein Herz zog sich zusammen, als es Sitzreihe um Sitzreihe nach hinten ging. Alle diese Kinder erzählten von ihren Eltern mit einer Selbstverständlichkeit und Teilnahmslosigkeit, als wäre dass das Normalste der Welt. Sie wussten ja gar nicht, wie froh sie sein konnten, dass sie noch Eltern hatten.
Als ich dran war, drehte sich die komplette Klasse zu mir um und die meisten grinsten gehässig.
„Ähm.. ha-allo, ich bin Haná..“, piepste ich eingeschüchtert und ein Junge aus der ersten Reihe brüllte:
„Kannst du nicht mal ein bisschen lauter reden? Wir verstehen gar nichts!“ Ich zuckte zusammen und sammelte all meinen Mut und fing noch mal neu an, aber mit selbstsicherer und energischer Stimme:
„Hallo, ich heiße Haná und ich spiele gerne Querflöte.“ Die Lehrerin lächelte mich aufmunternd an und wollte schon wieder das Wort erheben, als das Mädchen, das mich vorhin geärgert hatte rief:
„Und deine Eltern? Du hast deine Eltern vergessen!“
„Silvia!“, meinte die Lehrerin scharf. Mir waren die Tränen in die Augen geschossen und ich wandte rasch den Blick ab, hörte aber trotzdem was sie sagte. „Du hast doch ihre Kleidung gesehen! Du weißt was das heißt!“ Ich wischte mir die Augen und sah wieder nach vorne. Silvia neigte den Kopf.
„Tut mir Leid Frau Sylja.“, murmelte sie, warf mir aber, sobald sich die Lehrerin zur Tafel drehte ein hämisches Grinsen zu.
Die Lehrerin begann mit dem Alphabet und ich war dankbar für die Abwechslung und passte gehorsam auf. Ab und zu meldetet ich mich auch mal.
Als es zum dritten Mal gongte, riss ich meine Tasche unter dem Tisch hervor und rannte aus dem Zimmer, um den anderen nicht noch eine Möglichkeit zu bieten, mich zu hänseln. Draußen wartete bereits Janosch und ich klammerte mich an ihn und dann endlich kamen die Tränen, die ich die ganze Zeit unterdrückt hatte. Er strick mir sanft über das Haar und tröstete mich.
„Ich weiß Haná. Am ersten Schultag waren sie auch so zu mir. Aber nimm dir das nicht so zu Herzen. Das legt sich mit der Zeit.“ Ich schluchzte in sein Hemd und flüsterte.
„Ich wäre viel lieber zu meinen Freunden auf die Schule gegangen.“ Er strich mir noch mal über den Kopf, dann nahm er mich an der Hand und lächelte.
„Komm, ich zeig dir meinen Lieblingsplatz. Das bringt dich auf andere Gedanken!“ Ich nickte dankbar und ließ mich mitziehen. Auf den Straßen herrschte geschäftiges Treiben, doch Janosch bahnte sich einen Weg durch sie hindurch. Die Wärme der Sonne drang in mich hinein und machte mich ein wenig glücklicher.
Nach einer Ewigkeit bleib er endlich stehen. Hier gab es keine Straßen mehr in der Nähe und alles war ruhig, nur die Vögel zwitscherten auf den zahlreichen Bäumen. Er half mir auf einen und kletterte mir dann voraus auf einen Ast, der über einen Fluss hing. Ich setzte mich neben ihn und bewunderte die Umgebung. Blütenblätter schwammen auf dem Fluss, der unter uns leise dahinfloss auf der andern Seite waren die Berge zu sehen und die Bäume gaben dem ganzem noch einen friedlichen Anklatscht. Es war wunderschön. Er lächelte mir zu und ließ die Beine baumeln. Ich lächelte zurück und tat es ihm nach. Von diesem Moment an waren wir Freunde.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Mi Mai 06, 2009 7:35 pm

3. Kapitel

Das erste Jahr verging und ich lebte mich langsam ein. Janosch und ich waren beste Freunde und auch Anna mochte ich gerne. Sie hatte mich emsig in Querflöte unterrichtet und ich konnte es inzwischen richtig gut. Außerdem lernte ich, nicht mehr so viel an meine Eltern zu denken. Shika hatte sich schon länger an das gewohnt und war auch glücklich mit ihrer Schule. Selbst meine Klasse war nicht mehr ganz so unfreundlich wie vorher und ich gewöhnte mich mehr und mehr an mein Waisenleben. Der Sommer kam und ich wuchs immer mehr. Fast immer war ich glücklich, doch am eigenem Leibe hatte ich erfahren, wie schnell einem das genommen werden konnte, doch es sollte nicht bei dieser einen Lektion bleiben. Eines Tages wurde Anna schwer krank und kam ins Krankenhaus. Ayumi hatte mir erklärt, dass ihre Mutter an Aids gestorben war und dass Anna diese Krankheit mit der Muttermilch eingesogen hatte. Verzweifelt wartete ich seit dem Tag in dem sie ins Krankenhaus kam auf ihre Rückkehr, doch sie kam nicht zurück. Nie mehr.
Diesmal weinte ich nicht. Meine Trauer war tief, doch ich weinte nicht. selbst die Tränen waren versiegt. Ich stand in meinem Zimmer und hatte eine Hand um den Anhänger, der an einem Lederband um meinen Hals baumelte geschlungen und starrte aus dem Fenster, als die Tür aufging. Ich drehte mich um und sah Ayumi, die mit traurigen Augen mein Zimmer betrat.
„Haná? Anna... sie ist...“ Ich nickte, weinte aber immer noch nicht. Dies war nur eine Bestätigung dessen, was ich eh schon wusste, doch der Schmerz in mir bohrte sich noch ein bisschen tiefer. Ayumi holte etwas unter ihrer Schürze hervor und hielt es mir hin. Überrascht stellte ich fest, dass es Annas Querflöte war. Meine neue Ersatzmutter lächelte.
„Anna hat ihren letzten Atemzug an dich gerichtet. Sie sagte: ‚Gib meine Querflöte Haná und sag ihr, sie soll nicht traurig sein. Sie soll ihr Leben leben.’.“ Mit zitternden Fingen schloss ich die Finger um die Flöte und dann lächelte ich und endlich rannen mir Tränen über die Wange. Es waren tränen der Rührung. Ein Band schien sich in mir zu lösen und ich atmete wieder frei. Ich presste die Flöte an mich, schob mich an Ayumi vorbei und rannte so schnell ich konnte aus dem Haus und zu Janosch’ und meinem Lieblingsplatz. Die Sonne berührte bereits den Horizont, doch es war immer noch ziemlich warm. Die Blüten hatten sich in glänzende Kirschen verwandelt und die Belaubung war dichter geworden.
Leichtfüßig lief ich über den Stamm und setzte mich dann über dem Fluss darauf. Eine leichte Briese ließ meine Haare fliegen und ich holte die Flöte heraus und begann zu spielen. Das Lied war voller Hoffnung und Zuneigung, aber langsam. Plötzlich setzte eine andere Flöte ein und ohne mich umzudrehen wusste ich wer da kam. Als er sich neben mich setzte und mit einem hohen trillerndem Ton das Lied beendete lächelte ich und ließ die Flöte sinken. Jetzt erst fiel mir auf, wie sehr er sich verändert hatte. Allmählich verlor sein Gesicht das kindliche und er wurde immer hübscher. Gestern war mein Achter Geburtstag geworden und auch ich hatte ein wenig von dem Barbespeck verloren. Janosch sah plötzlich zum Himmel hinauf.
„Irgendwie bin ich gar nicht mehr traurig wegen Anna. Ich glaube sie ist gut angekommen.“ Ich lächelte auch und nickte.
„Ja das glaube ich auch. Schau mal. Sie hat mir ihre Querflöte gegeben.“ Er grinste.
„Das habe ich mir schon fast gedacht. Sie hatte dich wirklich gerne.“ Ein wenig bedrückt drehte ich die Flöte zwischen den Fingern.
„Ich sie auch. Warum musste sie sterben? Das Leben ist so unfair!“ Janosch lächelte nicht mehr.
„Wenn das Leben fair wäre, dann hätten wir beide noch Eltern.“ Ich sah ihn an. Als ich die Bitterkeit in seiner Stimmer bemerkte. Er hatte nie von seinen Eltern erzählt. Ich ihm von meinen schon.
„Was ist eigentlich mit deinen passiert?“ Die plötzliche Verletzlichkeit, die über seine Züge glitt erschreckte mich. Einen Moment dachte ich, er würde nicht antworten, doch dann rückte er ein Stück zu mir und holte tief Luft.
„Meine Mutter starb bei meiner Geburt und mein Vater fand mich zu lästig und warf mich in eine Mülltonne.“ Ich war entsetzt.
„Was? Er hat dich weggeworfen?!“ Er nickte und ich wusste, dass das viel schlimmer sein musste als meine Geschichte. Meine Elter wollten nicht gehen, doch sein Vater hatte ihn im Stich gelassen, sich gegen ihn entschieden. Janosch zuckte mit den Schultern und plötzlich grinste er verschmitz und schubste mich ins Wasser. Ich schrie nur überrascht auf, dann fiel ich in den angenehm warmen Fluss. Prustend kam ich an die Oberfläche und merkte, wie die Strömung an mir zerrte. Ich schlug mit den Händen auf die Wasseroberfläche.
„Janosch! Du..“ Der Rest ging mit mir unter, denn die Strömung hatte mir die Füße weggerissen. Plötzlich nahm mich jemand an der Hand und zog mich wieder nach oben. Janosch lachte laut und hob mich wieder auf den Ast. Auch er war klatschnass und stand bis zur Brust im Wasser.
„Da hab ich dich aber erwischt.“, grinste er und kletterte wieder auf den Baum. Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu und goss das Wasser aus der Querflöte. Janosch schüttelte seine Haare wie ein Hund, dann nahm er meinen Zopf und wand das Wasser heraus.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Mi Mai 06, 2009 7:36 pm

Ich meldete mich und Frau Sylja nahm mich dran.
„Darf ich bitte das Fenster aufmachen? Es ist so heiß hier?“, fragte ich höflich und die Erlaubnis wurde mir gegeben. Als ich nach vorne ging, rutschte mir Annas Querflöte aus der Tasche und Julian, der daneben saß bückte sich und hob sie auf.
„Was ist das denn?“, fragte er entgeistert und ich drehte mich um.
„Gib sie zurück!“, forderte ich, doch Frau Sylja war schneller und schnappte sie sich. Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie sie die Flöte musterte. Dann sah sie mich an und lächelte.
„Kannst du denn darauf spielen?“ Ich nickte verwundert. Sie hielt mir die Flöte hin.
„Wärst du so nett?“ In der Klasse hob Getuschel an, als ich zaghaft die Flöte an die Lippen setzte und sie zitternd dann gleich wieder sinken ließ. Ich konnte nicht spielen, wenn mich alle so anstarrten. Doch dann dachte ich an Janosch und seine Selbstsicherheit, hob die Flöte an die Lippen, vergaß alles um mich herum und begann zu spielen, ließ mich von der Melodie durchströmen. Ich hörte auf zu denken, denn das Lied floss von meinem Herzen direkt in meine Finger. Ich merkte nicht einmal, dass es vollkommen still geworden war. Ich spielte einfach weiter und weiter und beendete das Lied schließlich mit einem hohem, trillerndem Ton. Als ich die Flöte von den Lippen nahm bemerkte ich, dass mich die gesamte Klasse und die Lehrerin mit aufgerissenen Augen anstarrte. Dann begann ganz hinten einer zaghaft an zu klatschen und die anderen fielen ein, bis schließlich die ganze Klasse tobte. Staunend sah ich auf meine Finger und wusste nicht, was ich mit ihnen tun sollte, so verlegen war ich.
„Das war einfach zauberhaft Haná!“, lobte mich Frau Sylja. Ich strahlte. „Willst du dieses Jahr nicht beim Schulkonzert mitspielen?“ Vor Überraschung wäre mir fast die Flöte aus den Fingern geglitten.
„Was? Aber natürlich! Vielen Dank.“ Ich ging immer noch strahlend zu meinem Platz zurück und ließ mich fassungslos vor Glück darauf fallen.
Als die Schule zuende war und wir alle gingen, lächelten mich meine Klassenkameraden an.
„Tschüss Haná!“, riefen sie und ich war völlig überrascht. Sie hatten sich noch nie von mir verabschiedet.
„Was ist denn mit dir los? Du strahlst ja vor Glück!“, begrüßte mich Janosch und ich lief begeistert zu ihm.
„Ich darf beim Konzert mitspielen!“
„Das ist ja wunderbar!“, schrie er, schloss mich in die Arme und wirbelte mich einmal im Kreis herum. Lachen schlang ich die Arme um seinen Hals. So glücklich war ich schon lange nicht mehr gewesen. Hand in Hand gingen wir nach Hause und lachten und rissen Witze. Kaum waren wir zuhause, als ich auch schon die Treppe hinaufstürmte. Das musste ich unbedingt Shika erzählen.
„Shika! Ich..“, ich riss die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen. Mein Bett war abgezogen und mein Teddy weg. Entgeistert lief ich zum Schrank und riss ihn auf. Auch meine Kleidung fehlte. Verzweifelt warf ich mich auf den Boden und schaute unter das Bett. Nichts. All meine Bücher und Bilder waren fort. Langsam ging ich rückwärts. Was in drei Teufels Namen war hier los? Ich drehte mich um und rannte die Treppe hinunter. Fast wäre ich die letzten Stufen gefallen, so überrascht war ich. Alle standen im Korridor. Sie sahen aus, als wäre gerade jemand gestorben. Shika, Janosch und Ayumi weinten leise.
„Was ist hier los?“, stammelte ich und kam nun langsam die Treppe hinunter. Kaum hatte ich den Boden berührt, als Janosch sich von Ayumi, die ihn festhielt losriss und zu mir stürmte. Er umarmte mich ganz fest und küsste mich auf die Stirn, dann schob er mir etwas in die Tasche und drückte mich ganz fest. Ich hatte ihn noch nie weinen sehen. Ich hörte einen wütenden, unterdrückten Schrei und auch Shikas Arme schlangen sich um mich. Dann wurde Janosch von mir weggezerrt und ich sah in tränenüberströmt in Ayumis Armen.
Shika nahm mein Gesicht ihn ihre Hände und küsste mich auf beide Wangen und Tränen schossen aus ihren Augen.
„Gin..“ Das erstemal seit einem Jahr nannte sie diesen Namen wieder. „Bitte pass auf dich auf!“ Dann hob mich jemand von hinten hoch und Ayumi küsste mich auf die Stirn. Ich wehrte mich, als die Fremden Arme mich von meinen Freunden wegtrugen. Janosch kämpfte gegen den Griff an und schrie meinen Namen. Ich schrie seinen und Shikas, trat um mich und weinte aus voller Seele. Plötzlich wurde ich in einen Autositz gesetzt und festgeschnallt. Dann wurde die Tür zugeschlagen. Ich trommelte mit den Fäusten gegen die Scheibe und sah Janosch, der sich losriss und hinter dem Auto herrannte, das gerade losfuhr. Ich drehte mich im Sitz um.
„Nein! Janosch!“, schrie ich und drückte die Hände gegen die Scheibe. Er rannte so schnell er konnte, dann stürzte er und dann bog das Auto ab.
Kalte Panik ergriff mich. Ich drehte mich zitternd zu den Fahrern um. Es waren die Dame und der Herr von gestern. Sie lächelten mich an.
„Hallo Haná. Hör auf zu weinen. Es wird alles gut.“ Ich wandte den Blick ab und sah zur Seite. Neben mir saß ein Junge. Er hatte längere, schwarze Haare, war modisch gekleidet und lächelte mich mitfühlend an. Er war vielleicht so alt wie Janosch.
„Wer bist du und was machen sie mit mir?“, wisperte ich und ein Schatten glitt über seine Züge. Aus ihnen sprach tiefes Mitleid.
„Ich bin ab jetzt dein Bruder.“ Er neigte sich vor. „Sie haben dich adoptiert. Das sind jetzt deine Eltern.“ Entsetzt drehte ich mich wieder zu den beiden am Steuer um. Das sollten meine Eltern sein? Bestürzt schüttelte ich den Kopf und weinte wieder. Die Worte des Jungen drangen langsam zu mir durch. Ich würde meine Freunde nicht mehr sehen. Man hatte mir mein Leben wieder gestohlen, doch diesmal war ich ganz allein. Keine Shika da, die mir half. Ich zog die Knie an, schlang die Arme um sie und weinte still vor mich hin. Warum musste das alles mir passieren. Langsam weinte ich mich in den Schlaf.
Als ich wieder die Augen aufschlug fuhren wir immer noch. Draußen war es bereits dunkel und der Junge neben mir war eingeschlafen. Auch die Dame hatte den Kopf an die Autotür gelehnt und schien zu schlummern. Ich rieb mir die geschwollenen Augen und sah zum Fenster hinaus. Die Straße war mehrspurig und die Gegend kam mir ganz und gar nicht mehr bekannt vor. Ängstlich kauerte ich mich in den Sitz und schloss zitternd die Augen. Nichts würde wieder wie früher werden.
Die Autotür wurde schwungvoll aufgerissen und der Mann mit dem Hut lächelte mich an. Die Sonne ging gerade erst auf und ich rieb mir die geschwollenen Augen.
„Willkommen in Tokio! Deiner neuen Heimat.“ Staunend kletterte ich aus dem Auto und drehte mich im Kreis. Wir standen vor einer Garage und daneben ein riesiges, weißes Haus. Ein paar Bäume standen neben dem Straßenrand, aber sonst war nicht viel von der Natur übrig geblieben. Überall standen Häuser, auch welche, die bis in den Himmel ragten und Autos schossen in einem irrem Tempo an mir vorbei. Der Mann und die Frau, lächelten mich an und deuteten auf das Haus.
„Da wohnst du jetzt!“ Ich riss den Mund auf. So ein Haus hatte ich noch nie gesehen und für einen Moment vergaß ich die ganze Verzweiflung. Der Himmel hier war nicht so klar, wie da, wo ich herkam und die Luft war stickiger. Außerdem war es merkwürdig schwül.
Die Frau nahm mich an der Hand und führte mich zum Haus, während der Mann meinen Koffer trug. Der Junge hatte auf der anderen Seite wohl Freunde entdeckt, denn er ging zu ihnen. Die Dame holte einen Schlüssel aus der Tasche und sperrte die weiße Tür auf. Drinnen war alles sauber und aus Marmor. An den Wänden hingen teure Bilder und der Boden war mit einem karmesinrotem Teppich bedeckt. Ich zog meine Schuhe aus und stellte sie zu den anderen, die neben der Tür unter lauter Kleiderhaken standen. Die Dame lächelte mich an und führte mich zur Treppe, die sich kreisförmig drei Stockwerke nach oben drehte.
„Komm! Ich zeig dir dein Zimmer.“ Völlig perplex folgte ich ihr nach oben. Dor waren drei weiße Türen.
„Dies ist das Bad.“ Sie deutete auf die Mittlere. „Rechts daneben ist das Zimmer von Kiyoshi und das linke ist deines.“ Neugierig ging ich darauf zu und öffnete die Tür. Mit offenem Mund stand ich in der Tür. Das Zimmer war Himmelblau gestrichen, eine Pflanze Stand auf dem Fensterbrett, weiße, durchscheinende Vorhänge schmückten das Zimmer, das Foto eines großen, majestätischem Adlers hing gerahmt an der Wand, Ein großes, leeres Regal stand an der Wand und daneben ein Schreibtisch mit einem bequemaussehendem Drehstuhl. Auf dem Tisch stand ein Computer und daneben ein Telefon. In der Ecke stand ein Großer Kleiderschrank und gegenüber ein großes, weißes Bett mit Seidenbettwäsche.
„Gefällt’s dir?“, lächelte sie und ich drehte mich zu ihr um. „Das gehört alles mir?“ Sie nickte und ich riss den Mund noch ein bisschen weiter auf.
„Nachher gehen wir in die Stadt, kaufen dir gescheite Kleider und du kannst dieses Regal mit Büchern füllen und Spielen.“ Noch überraschter fiel ich auf die Knie. Sie hockte sich vor mich auf den Boden und nahm meine Hände.
„Ich weiß, es ist hart für dich, dass du von deinen Freunden und deiner Schwester getrennt wurdest, aber glaub mir, wir sind auch eine nette Familie. Ab jetzt heißt du Haná Dynja. Ich bin nun deine Mutter, aber nenn mich am Anfang ruhig Saju. Dein Vater heißt Antoin. Du wirst sehen hier gefällt es dir, wenn du erst mal über das alles hinweggekommen bist.“ Sie wischte mir eine Träne von der Backe und nahm mich auf den Arm.
„Komm! Gehen wir in die Stadt. Hier kannst du nicht in diesem Lumpen rumlaufen! In die Schule brauchst du nicht mehr gehen. Du bist so weit, dass du erst wieder gehen musst, wenn du auf die höhere Schule kommst.“ Ich verkraftete den Informationenüberschuss nicht und ließ mich einfach nach unten tragen. Jetzt hatte ich alles wieder so wie früher. Meine Schwester.. Janosch..
Wenig später saß ich wieder im Auto und sah staunend zu den Häusern, die an mir vorbeirauschten. Die Geschäfte hatten hier ganz andere Sachen als bei mir. Und es war voll in der Stadt. Saju brachte mich von Laden zu laden und ich durfte alles anprobieren was ich wollte und zum Schluss kamen wir mit vielen Tüten bepackt nach hause. Sie half mir alles in den Schrank zu räumen. Mein Kleid war sie weg und meine Jacke hängte ich ganz hinten in den Schrank. Dann brachte sie mich ins Bad, das komplett weiß gefliest war und das eine runde Badewanne hatte. Ich duschte und dachte daran, wie gut ich es hier hatte. Dann ging ich frisch in eine Röhrenjeans gekleidet und ein neues T-Shirt von H&M tragend in mein Zimmer und warf mich auf mein neues Bett. Alles war so neu, aber ich fühlte mich jetzt schon wohl und das beunruhigte mich. Da wurde sanft an der Tür geklopft.
Kiyoshi steckte den Kopf herein und grinste.
„Du hast einen Guten Geschmack. Es gibt essen.“ Ich lächelte. Mein Bruder, dachte ich und folgte ihm nach unten. Das Wohnzimmer war nicht weniger beeindruckend, als der Rest des Hauses. Ein riesiger, schwarzer Tisch stand unter einer breiten Lampe und eine Große Couch stand vor einem Breitbildfernseher. Eine Wand des Zimmers war komplett verglast und ermöglichte es uns, unser teures Auto zu bewundern. Ich setzte mich an den Tisch, auf dem ein großer Teller Sushi stand. Alle anderen saßen schon.
„Gut siehst du aus Haná.“, begrüßte mich mein neuer Vater. „Greift zu!“, forderte er uns auf. Ich hatte noch nie etwas so köstliches gegessen. Sie unterhielten sich über irgendeine Firma und ich konzentrierte mich auf mein Essen. Danach stand ich auf und ging ohne ein Wort nach oben. Der Moment, in dem ich nicht abgelenkt war hatte mich an mein altes Leben erinnert, dass ich nun verlassen hatte. Ich ging in mein Zimmer und warf mich auf das Bett. So schön es hier auch sein mochte, keine teuren Sachen konnten mir das wiedergeben, was ich verloren hatte.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Mi Mai 06, 2009 7:55 pm

Ich liebe diese Geschichte I love you
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Yhji
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Do Mai 07, 2009 6:18 pm

4. Kapitel

Ich holte den Wohnungsschlüssel aus der Tasche und sperrte die Tür auf. Seitdem ich hierher gekommen war, waren weitere sieben Jahre vergessen und ich war nun eine schlanke, hübsche Großstadtbewohnerin geworden. Mein früheres Leben hatte ich fast vergessen, denn in meinem neuem hatte ich mich gut eingelebt. Ich ging auf eine Realschule und besuchte jede Woche eine Tanzschule. Ich hatte ein paar gute Freunde und hatte mir die langen Haare stufen lassen. Ich war erwachsener geworden und an Shika und Janosch dachte ich fast nie. Eigentlich sollte ich mich schämen.
„Hallo Saju!“, brüllte ich durch das ganze haus und pfefferte meine Stiefel in die Ecke. Ich weigerte mich immer noch, sie Mutter oder so zu nennen. Es war Winter und ich war genau fünfzehn und ein halbes Jahr. Die Dame kam aus der Küche gewuselt und umarmte mich.
„Hallo Kleines! Wie war die Schule?“ Ich grinste und hängte meinen Mantel an den Haken.
„Noch langweiliger als sonst. Was gibt’s zum Essen?“ Kiyoshi tauchte neben mir auf, ein Hotdog in der Hand.
„Hallo Schwesterchen! Hotdogs! Komm, bevor ich sie dir alle wegfutter.“ Ich knuffte ihn in die Seite und schob mich an ihm vorbei in die Küche. Ich schnappte mir ein Hotdog und wandte mich an meinen Bruder.
„Was schaust du so?“ Er lächelte und tippte mir auf die Nase.
„Der Tanzverein will heute Abend ein Treffen machen. Kommst du?“ Ich nickte begeistert, dann rannte ich drei Stufen aufeinmal nehmend in mein Zimmer hinauf und Knallte die Tür zu. Erschöpft warf ich mich auf den Stuhl und schaltete den Computer an. Dann holte ich die Querflöte aus einer Schublade und spielte ein bisschen. Immer noch liebte ich dieses Geräusch. Die Melodie entfesselte niegekannte Freiheit in mir, doch als mein Computer hochgefahren war, legte ich sie beiseite. Ich schaltete Musik an und ließ sich von Secondhand Serenade entspannen. Dann holte ich meinen Skizzenblock heraus und begann darauf rumzukritzeln. Allmählich nahm ein Gesicht unter meinem Bleistift gestalt an. Es war das von Julia, meiner besten Freundin. Ich lächelte, legte es beiseite und schnappte mir ein Buch. Dann begann ich zu lesen. Das tat ich immer gerne, wenn ich nichts zu tun hatte. Kiyoshi meinte immer, ich wäre zu brav. Ich trank kein Alkohol, rauchte nicht, was er allerdings beides auch nicht tat, hasste Technomusik, hatte gute Noten, Tanzte, hatte keinen Freund und so weiter. Ich lächelte in mich hinein. Ich war halt nun mal nicht die Großstadtzicke. Ach ja und viel zu schüchtern war ich auch. Da klingelte mein Telefon und genervt legte ich das Buch weg.
„Hallo?“, meldete ich mich.
„Hey Haná! Wie geht’s?“, brüllte meine beste Freundin in den Hörer und ich lachte. Das war mal wieder typisch Julia.
„Hallo Julia. Mir geht’s gut! Dir?“, antwortete ich matt und grinste.
„Ach, mir geht’s super. Was meinst du? Können wir heute zusammen in sie Stadt?“ Ich stöhnte.
„Du weißt doch, dass ich einkaufen hasse, vor allem mit dir, wo du doch immer alles fünfmal anprobieren musst, aber ich kann heute eh nicht. Ich hab Tanztreffen.“ Sie kicherte.
„Na was für ein Zufall. Naja, frag ich eben Marie. Vielleicht hat die ja Lust. Also tschüss! Und grüß Kiyoshi.“
„Mach ich. Ciao.“ Rasch legte ich auf. Julia warf total in meinen älteren Bruder verknallt und manchmal war das echt anstrengend. Lustlos sah ich mich um. Was sollte ich jetzt machen? Ich stand auf und ging in den Flur. Draußen lief ich in Kiyoshi.
„Tschudligung.“, murmelte ich und quetschte mich an ihm vorbei. Er hatte seine Sportkleidung an.
„Hey Haná! Träumst du? In zehn Minuten geht die Tanzstunde los!“ Ich warf einen Blick auf die Uhr und fluchte laut.
„Verdammt! Warte schnell! Ich zieh mich kurz um!“ Ich raste in mein Zimmer und knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Ich raste zu meinem Kleiderschrank, zog das weiße Kleid mit den Spagettiträgern an und schlüpfte in die enge, knielange Hose. Kurz darauf hatte ich mir die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und war in die Tanzschuhe geschlüpft. Kiyoshi stand schon unten im Flur und warf mir einen kurzen Blick zu.
„Mal wieder siehst du umwerfend aus!“, begrüßte er mich und ich trat ihm auf den Fuß. Dann warf ich mir meinen Mantel über und zusammen gingen wir hinaus in das Schneegestöber.
Der Wind war kalt und beißend. Wir schlangen die Arme um unsre Körper und zogen die Köpfe ein. Autos rauschten an uns vorbei und hinterließen schlammige Spuren in dem watteweichem Schnee. Ich schnappte mir eine Hand voll, als wir an einem Auto vorbeigingen und warf es ihm in den Kragen.
„Hey!“, rief er, doch ich hatte lachend schon die Beine in die Hand genommen, denn seine Rache bestand meistens aus einer Runde ordentlich einseifen und deshalb machte ich mich möglichst schnell aus dem Staub. „Na warte! Ich krieg dich!“, brüllte er lachend und setzte mir nach, doch ich war schneller. Geschickt wich ich einer alten Dame aus, die mir entgegenkam und sauste schlitternd um eine Ecke. Plötzlich knallte ich gegen jemanden. Ich sah nur kurz auf und erkannte das Gesicht eines Jungen mit durchdringenden grünen Augen.
„Entschuldigung!“, stieß ich hervor und rannte weiter, ohne zu wissen, dass er mir nachstarrte. Wie der Wind raste ich an einem Plastikrentier vorbei und krachte schließlich gegen die Tür des Tanzvereins. Eilig riss ich sie auf und stürmte hinein.
„Wow Haná! Wer ist dir denn auf den Fersen?“, begrüßte sie ihr bester Freund und Tanzpartner Anito. Er kam auf sie zu und nahm ihr den Mantel ab.
„Mein Bruder. Ich habe ihn mit einem Schneeball getroffen.“, lachte ich und sah mich um. „Wo sind die anderen?“ Er grinste.
„Es kommt nur noch Layla. Heute ist ein vierer Casting. Wenn wir Glück haben bekommen wir vier eine Stelle bei der großen Tanzaufführung im April!“ Ich kreischte vor Freude und umarmte ihn stürmisch.
„Das wäre ja der Wahnsinn! Hoffentlich klappt es.“ Er lächelte mir zu und ich nahm seine Hände. „Komm, wir tanzen uns ein!“ Er nickte und ging zu der Anlage in der Ecke.
„Fertig? Ich schalte ein.“ Kaum erklang die weiche Musik, als ich mich einfach fallen ließ. Kaum hatten meine Hände seine gefunden, als ich aufhörte zu denken und mich einfach treiben ließ. Jeder Schritt folgte automatisch. Mit einer Pirouette beendeten wir unsren Tanz und von der Tür applaudierte Kiyoshi, der mir Schneeflocken in den Haaren hereinkam.
„Man, ihr beiden zusammen seid einfach genial. Sicher nehmen se euch für die Hauptrolle.“, meinte er beeindruckt. Ich lächelte und knickste vornehm. Da flog die Tür auf und mit einem Windstoß und jede Menge Schneeflocken kam Layla hereingewirbelt.
„Hallo alle zusammen!“, rief sie und küsste Kiyoshi. Die beiden waren seit zwei Jahren ein Paar und zwei wunderbare Tänzer. Dann kam sie wie eine Gewehrkugel auf mich zugeschossen und drückte mich so fest, dass mir die Luft wegblieb.
„Hey Haná! Super das ganze hier, oder?“ Sie strahlte wie ein Engel auf der Weihnachtsbaumspitze und pfefferte ihren Mantel in die Ecke. „Aufgeht’s Leute! In einer halben Stunden kommen die Professoren.“ Ich grinste und stellte mich neben Anito auf. Layla war die treibende Kraft im Verein. Sie war der Gutelauneengel. Die Musik setzte ein und wir bewegten uns alle im gleichem Moment. Die Musik gab den Takt unsrer Herzen an und wir wurden alle ein Mann.
Außer Atem beendeten wir den Tanz und dann klatschten wir uns gegenseitig Beifall. So gut hatten wir noch nie getanzt.
„Das war der Wahnsinn!“, keuchte Anito und klopfte mir auf die Schulter. Ich grinste.
„Würde mich wundern, wenn wir die Rollen nicht bekommen würden. Layla warf sich Kiyoshi um den Hals und die beiden küssten sich wieder. Lächelnd wandte ich mich ab und ging zu meiner Trinkflasche. Anito setzte sich neben mir auf die Bank.
„Wie sieht’s aus? Hast du heute noch Zeit für deinen besten Freund?“, scherzte er und ich lachte.
„Kommt drauf an. Was steht zur Auswahl?“ Er lachte und warf den Kopf zurück.
„Wie wäre es mir einer Runde Schlittschuh laufen?“ Ich warf die Arme um seinen Hals.
„Anito du bist der Beste!“ Er tätschelte mir den Rücken.
„Ich weiß.“ Darauf verpasste ich ihm einen ordentlichen Stoß mit dem Ellenbogen. Er kicherte und schubste mich ein Stück weg. „Pass auf, ich muss heute noch Tanzen.“ Schnaubend wandte ich mich ab und fuhr mir mit der Hand über die verschwitze Stirn. Plötzlich hörten wir Männerstimmen draußen vor der Tür und gespannt heilten wir inne. Da öffnete sich die Tür und drei Männer in dunklem Anzug und Hüten kamen herein.
„Guten Tag. Sind wir hier richtig für das vierer Casting?“, fragte der vorderste und als wir alle angespannt nickten, ließen sie sich auf der Bank nieder.
„Na dann lasst mal sehen.“ Mein Herz fühlte sich an, als wolle es mir gleich aus der Brust springen und ich nahm angespannt neben Anito Aufstellung. Er strich mir beruhigend über die Stirn. Ich holte tief Luft und konzentrierte mich. Als die Musik einsetzte vergaß ich alle Nervosität und ließ mich wieder fallen. Erst jetzt war ich den Meinung, das wir wirklich noch nie so gut getanzt hatten. Es war besser als alles, was wir je zustande gebracht hatten.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Fr Mai 08, 2009 9:44 pm

Die vier Herren applaudierten wild und strahlend verneigten wir uns. Der, der auch vorhin gesprochen hatte erhob das Wort.
„Wir sind sehr beeindruckt von eurer leidenschaftlichen Darbietung. Das Training ist jeden Samstag in der Kirschallee um Fünfzehn Uhr. Ich hoffe,“ Er sah auf und hob leicht den Hut. „Ich kann mit euch rechnen!“ Mein Herz fühlte sich an, als hätte es gerade einen Salto rückwärts gemacht und ich rief ihm automatisch hinterher:
„Vielen Dank!“ Er lächelte noch einmal, dann gingen die vier wieder. Jauchzend warfen wir uns in die Arme.
„Das ist ja der Wahnsinn! Genial! Absolut überwältigend!“, rief Anito und Layla hopste einmal im Kreis durch den Saal und sang:
„Jipijaja jipijey!“ Kiyoshi klopfte mir auf die Schulter und ich drückte meinen besten Freund so fest, dass ihm die Luft wegblieb.
„Langsam, langsam Kleine! Sonst kipp ich noch von den Schlittschuhen!“ Ich ließ ihn los und hüpfte einmal im Kreis um meinen Bruder.
„So cool das ganze!“ Layla packte mich von hinten und schleifte mich zur Tür.
„Komm, bevor sie noch auf eine dämliche Idee kommen!“ Ich grinste und packte meinen Mantel. Ehe die beiden Jungs schnell genug geschaltet hatten waren wir auch schon draußen. Wir rannten so schnell wir konnten und unser keuchender Atem gefror vor uns in der Luft. Layla sah lachend über die Schulter.
„Oh oh! Sie verfolgen uns und sind mit Schneebällen bewaffnet! Gib Fersengeld!“ Wir spurteten um eine Ecke und ich wäre fast ausgerutscht. Dann tauchten wir in die Menschenmenge, die noch die letzten Weihnachtseinkäufe erledigen wollte. Die Schaufenster waren mit übertrieben viel Gold und Purpur geschmückt und leuchtenden in den festlichsten Farben.
Hier mussten wir unser Tempo ein bisschen mäßigen, da wir sonst über Leute mit vollgepackten Einkaufstüten gestolpert wären. Fröstelnd sah ich zum Himmel hinauf, der sich bereits verdunkelte. Hier konnte man die Sterne nicht sehen, denn es hingen zu viel Dampf und Abgase in der Luft und schirmten uns den Blick auf das milchige Licht der Sterne ab.
Plötzlich stieß ich gegen jemanden und Layla stolperte gegen mich.
„Kannst du nicht aufpassen?“, zischte der Junge und hob seine Tüte auf. Verlegen strich ich mir eine Strähne aus der Stirn.
„Tut mir Leid. Ist etwas kaputt gegangen?“, fragte ich und Layla hinter mir drehte sich weg, damit ich ihr gezwungen ernstes Gesicht nicht sehen konnte. Der Junge sah auf und hob missbilligend eine Augenbraue. Dann schüttelte er den Kopf und musterte mich von Kopf bis Fuß.
„Nein.“, antwortete er kühl und knapp. Dann wandte er sich um und tauchte in der Menge unter. Layla und ich verrenkten uns den Hals nach ihm und wir waren nicht die einzigen Mädchen, die ihm hinterher sahen. Viele drehten sich nach ihm um und ich seufzte.
„Na das war ja mal wieder typisch für mich. Da laufe ich endlich mal so jemanden über den Weg und dann muss ich ihn gleich über den Haufen rennen.“ Resigniert sag ich zu Boden und wurde fast von einer Oma umgeworfen, die sich mit ihrer Einkaufstüte schlagend einen Weg durch die Menge bahnte. Layla stellte ich auf die Zehenspitzen, um dem Schopf des Jungen noch einen letzten Blick zuzuwerfen.
„Naja, so schlimm war es ja nicht.“ Dann grinste sie mich an. „Der sah aber echt ziemlich gut aus.“
„Wer sieht ziemlich gut aus?“, fragte Anito und legte mir das Kinn auf die Schulter. Layla stupste ihn in die Seite und ich schob seinen Kopf von meiner Schulter.
„Ja, das will ich auch wissen. Krieg ich hier Konkurrenz?“, frage Kiyoshi und legte Layla einen Arm um die Schulter. Sie grinste.
„Ach Haná hat nur einen Typen umgerannt und der sah ziemlich gut aus.“ Ich betrachtete fasziniert meine Schuhspitzen. Mein Bruder wandte sich mit einem unverschämten Grinsen zu mir.
„Soso. Absicht?“ Anito und er lachten, aber ich verpasste ihm einen Tritt.
„Blödmann!“ Dann wandte ich den Blick ab und lies ihn suchend durch die Menge gleiten.
„Wen suchst du denn Kleine?“, wollte mein bester Freund wissen und ich schubste ihn.
„Wolltest du nicht noch mit mir Schlittschuh laufen? Dann solltest du mich lieber nicht ärgern!“ Er grinste und zupfte mich am Ohr.
„Schon klar. Gehen wir?“, wandte er sich fragend an die andern Beiden, die schon fast von der drängenden Menge weggespült worden waren. Mühsam kämpften sie sich zu uns zurück.
„Klar. Ins Latellá?“, schlug Layla vor und als keiner etwas dagegen hatte zogen wir los. Latellá war unser Lieblingskaffe. Da gingen wir immer hin, wenn wir etwas zu feiern hatten und heute hatten wir allen Grund dazu. Mühsam kämpften wir uns vorwärts.
„Warum gehen eigentlich fast alle immer erst auf den letzten Drücker einkaufen? Am Sonntag ist Weihnachten und heute Freitag. Ich hab meine Geschenke schon seit den Sommerferien!“, brüllte ich gegen den Lärm der Menschen an und Kiyoshi lachte.
„Naja Schwesterchen, nicht alle sind so voreilig wie du!“ Ich trat ihm auf den Fuß, was schwierig war, da ich aufpassen musste damit keinem vorbeirennendem Passanten ein Bein zu stellen. Mir wurde immer kälter und ich zog den Mantel enger um mich. Ein heftiger Wind peitschte durch die Straße und blies mir Schneeflocken ins Gesicht, die an meinen langen Wimpern haften blieben. Ich blinzelte sie weg und allmählich wurden meine Hände kalt. Layla zog die Schultern hoch und blinzelte gegen den Wind und das Schneegestöber.
„Puh bis wir da sind, sehen wir aus wie Schneemänner.“, prustete sie und wurde mit einer neuen Windböe belohnt. Die Arme fest um unsre Körper geschlungen stolperten wir auf unsere Lieblingspizzeria zu und zwängten uns durch die Tür.
Erleichtert ließ ich die Schultern fallen und genoss die warme, nach Teil duftende Luft, die mich nun umgab. Das Licht war ein wenig gedämpft und eine wunderschöne Melodie drang an meine Ohren.
Zerstreut klopfte ich mir den Schnee von den Schultern und pflückte ein paar Flocken aus meinen Haaren, dann grinste ich die anderen an, die bereits ihre Mäntel an den Haken hängten. Ich brauchte immer ein bisschen länger, aber das störte niemanden. Ich lächelte in den Spiegel, der neben den Kleiderhaken hing, strich mir einmal über die Haare und folgte dann den anderen in das Lokal. Sie hatten es sich bereits in der Ecke an unsrem Stammplatz auf der buntbezogenen Couch bequem gemacht. Vorsichtig bahnte ich mir einen Weg zwischen den Stühlen hindurch und setzte mich neben Anito.
„Sie haben die Tischdeko geändert!“, bemerkte mein Bruder und begutachtete die lila Kerze, die auf einem Tannenzweig auf einer dunklen Servierte neben der Gewürzdose stand und einen warmen Schein verbreitete. Ich grinste kurz, hauchte meine Hände an und rieb sie kräftig gegeneinander. Layla begutachtete den Raum und bemerkte dann belustigt.
„Endlich haben sie auf Weihnachten umdekoriert. Sind ja echt früh dran ist ja auch erst übermorgen.“ Trocken lächelnd beugte sie sich vor, um eine getrocknete Orangenschale in Augenschein zu nehmen. Anito schnalzte mit der Zunge und sah auf die Uhr. Ich grinste und streckte die Füße aus. Hier brauchten sie immer ein bisschen bis sie kamen, um die Bestellungen aufzunehmen, aber das machte nichts, dafür schmeckte das Essen einfach zu gut. Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Magen knurrte.
„Mein Bauch hat mehr Hunger als ich.“, scherzte ich und drehte mich suchend um. Endlich kam unser Stammkellner in Anzug und Smoking auf uns zugelaufen.
„Hallo! Schon wieder ihr! Was darf es heute sein?“, erkundigte er sich freundlich und machte eine spöttische Verbeugung zu Anito hin. Wir tauschten einen Blick und grinsten. Das war mal wieder typisch Mario.
„Ähm.. Das Übliche?“ Fragend sah Kiyoshi in die Runde und als alle wie erwartet nickten zog Mario auf seinen Zettel kritzelnd ab.
„Es gibt nichts besseres als eine warme Pizza nach so einem Schneesturm!“, verkündete Layla und streckte sich wie eine Katze. Ich lächelte und zerpflückte meine Servierte. In Gedanken war ich ganz woanders, nämlich bei dem Jungen, den ich gesehen hatte und zu allem Überfluss auch noch umgerannt hatte. Mich machte es ein wenig traurig, dass er so kühl gewesen war und ich fragte mich insgeheim, ob ich ihn je wieder sehen würde.
„Hallo?! Jemand zuhause?“ Ich erschrak, als mein bester Freund mir energisch vor dem Gesicht herumwedelte. „Ich hab dich was gefragt!“ Er knuffte mich schmerzhaft in die Seite und ich funkelte ihn an.
„Was denn?“ Er seufzte und schüttelte den Kopf über so viel Unachtsamkeit.
„Ich wollte wissen, ob wir gleich anschließend zum Schlittschuhlaufen gehen.“ Ich grinste.
„Klar warum nicht. Fände ich wirklich toll!“, murmelte ich und starrte wieder auf meine Hände.
„Glaubt ihr, wir fahren nach Mallorca auf das Tanzlager?“, wollte mein Bruder wissen und die anderen stürzten sich eifrig in die Diskussion, aber ich kaute nur auf meiner Lippe herum und starrte in die Flamme, die leicht flackerte.
„Sag mal, bist du überhaupt anwesend? Ich hab das Gefühl, du bist ganz woanders. Das kenn ich gar nicht von dir.“, hauchte mich Anito ins Ohr und ich zuckte zusammen.
„Nein nein. Ich hör zu, ja ich will da auch hin wäre schon echt toll.“ Nicht sehr überzeugt wandte sich mein bester Freund wieder der Unterhaltung zu, warf mir aber immer wieder unangenehm forschende Blicke zu, so dass ich erleichtert war, als endlich die Pizza kam.
Heißhungrig machte ich mich über meine mit extra viel Salami her und was froh, dass keiner mehr von mir verlangt, dass ich mich am Gespräch beteiligte. Ich hatte es so eilig, dass ich viel schneller fertig war als die anderen, die mich nun verwundert anstarrten.
„Hey Haná! Irgendwie bist du grad ein bisschen.. komisch?“, wunderte sich Kiyoshi und Anito warf mir wieder so einen Blick zu, unter dem ich eine Gänsehaut bekam. Layla jedoch prustete nur in ihre Cola und trat Kiyoshi auf den Fuß.
„Kümmere dich um deinen eigenen Kram und lass deine Schwester in Frieden. Sie muss das erst mal wegstecken.“ Die Jungs sahen sie fragend an und ich wurde rot bis zu den Haarwurzeln.
„Was denn wegstecken?“, wollte Anito wissen und Layla verdrehte bedeutungsvoll die Augen.
„Also das ihr immer so unsensibel seid. Hinter euch könnte ein Liebespärchen seinen ersten Kuss haben und ihr würdet es nicht mal merken.“ Kiyoshi kratze sich am Kopf, runzelte die Stirn und setzte an:
„Was hat der erste Kuss von einem..“ Layla stellte ihr Glas mit einem lauten Knallen auf den Tisch und schnitt ihm das Wort ab.
„Ach sei leise! Das verstehst du nicht.“ Ich grinste und insgeheim viel mir ein Stein vom Herzen. Die Jungs wechselten nur einen ratlosen Blick und machten sich dann wieder schulterzuckend über den Rest Pizza her.
Kiyoshi warf einen Blick auf die Uhr und sprang auf.
„Oh! Komm schnell Layla! Unser Film fängt in zehn Minuten an.“ Erschrocken kippte sie den Rest Cola runter und hechtete hinter dem Tisch hervor. Eilig warf sie mir die Arme um den Hals, knuffte Anito kurz in die Seite, rief noch kurz: „Bis später!“ und dann waren sie schon unter dem Bimmeln der Türglocke verschwunden. Anito grinste mich an und stand ebenfalls auf.
„Gehen wir dann auch?“ Ich grinste zurück und schob meinen Stuhl rein.
„Nichts lieber als das! Wir wollten letztes Jahr schon Schlittschuhlaufen gehen und es hat nicht geklappt! Noch nie hab ich mich auf etwas so gefreut.“ Obwohl er sich schon weggedreht hatte sah ich seinen selbstzufrieden Gesichtsausdruck bis hier her, für den ich ihm am liebsten einmal ordentlich vors Schienbein getreten hätte.
Messerscharf kam uns der Wind entgegen und mir blieb kurz die Luft weg. Ich hätte schwören können, dass die Temperatur noch mal mindestens um fünf Grad gesunken war. Bibbernd vergrub ich die Hände in den Taschen und zog den Kopf ein.
Die meisten Geschäfte hatten bereits geschlossen und nur noch wenige Menschen waren unterwegs. Die Schaufenster und Laternen, die die Straße erhellten waren von Eisblumen überzogen und auf das sonst makellose Pflaster war von einer zentimeterdicken Schneeschicht bedeckt. Der Himmel war milchigblau und der Mond glänze wie ein Stück Melone über unsren köpfen. Bunte Lichterketten und Plastikschneemänner standen am Straßenrand und verströmten ein mattes Licht. Der Schnee dämpfte die Geräusche von der nahen Hauptstraße und über der ganzen Straße lag ein freundliches Schweigen. Nur der Wind zischte geräuschvoll um die Ecken und riss Hüte von Köpfen und Tüten aus Händen.
Stumm mit eingezogenen Köpfen pflügten wir durch den Schnee und waren erleichtert, als wir auf den Platz vor dem Eisstadium kamen, wo bereits geräumt waren. Laute Musik drang an unsre Ohren und das farbige, wechselnde Licht war durch die verglasten Wände zu sehen. Ich rieb glücklich die Hände aneinander und beschleunigte meinen Schritt. Darauf hatte ich mich so gefreut. Hie liefen noch einige Jugendlichen vor uns und wir reihten uns hinter ihnen ein, froh vor dem draußen wütendem Wind geschützt zu sein.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Fr Mai 08, 2009 10:30 pm

„Ich lad dich ein!“, beschloss er und ich wäre ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen.
„Du weißt, dass ich das hasse. Keine Chance, ich zahle selber.“ Mit einem Arm hielt er mich sanft und lässig vom Zahlungshäuschen fern und legte mit der anderen das Geld hin. Kurz darauf gab er mir mit einem triumphierendem Lächeln ein paar Schlittschuhe und schubste mich dann weiter in den feuchten Wechselraum.
„Stell dich doch nicht so an, ich bin der Junge und ich kann ruhig bezahlen.“, entschied er und ich verdrehte die Augen. Während ich mich auf die Bank setzte, um meine Schuhe zu wechseln.
„Das mag vielleicht so sein, wenn wir ein Paar wären, aber das sind wir nicht!“, gab ich schnippisch zurück und begann mir den Schuh zu binden. Mit gerunzelter Stirn starrte Anito auf seine Schuhe und ich bereute es bereits zu tiefst, den Mund aufgemacht zu haben. Über dieses Thema stritten wir uns jedes Mal. Seufzend schüttelte ich die Haare aus der Stirn und konzentrierte mich auf die armlangen Schnürsenkel, mit denen ich einfach nicht zurecht kam. Gerade fädelte ich zum dritte Mal um, als ich eine entfernt bekannte Stimme hörte.
„Tut mir Leid, ich glaube Sie verwechseln mich. Ich bin kein Filmstar.“ Verwundert sah ich auf und entdeckte den Jungen aus der Stadt, der mit samtweicher Stimme auf eine Dame einredete, die offensichtlich ein Autogramm von ihm wollte.
Anito folgte meinem Blick und warf mir einen verwunderten und argwöhnischen Blick zu, doch ich bemerkte es nicht, so sehr war ich damit beschäftigt, den Jungen anzustarren. Er sah auch wirklich zu gut aus. Er schien die Dame abgewimmelt zu haben und drehte sich um. Kurz trafen sich unsre Blicke und ich sah rasch woanders hin und bemerkte deswegen nicht, wie er auf mich hinuntersah, als es an mir vorbei ging. Kaum hatte er den Raum verlassen starrte mich Anito durchdringend an. Als mir das unangenehm wurde zog ich die Schultern hoch und fragte: „Was denn?“ Seine Augen huschten zwischen mir und der Tür, durch die der Junge eben gegangen war hin und her.
„Er gefällt dir, nicht?“ Kopfschüttelnd staksten wir nach draußen.
„Mach dich nicht lächerlich!“ Die Worte gefroren vor mir in der Luft und ich war mir nicht einmal sicher, ob sie an ihn oder an mich selbst gerichtet waren. Zum Glück war das Stadium verglast und überdacht, denn selbst über die laute Musik hörte ich den Wind, der gegen die Scheiben donnerte und an den Türen rüttelte.
Lauter Leute in unsrem Alter kurvten unter den bunten Lichtern auf der Eisfläche und ein fröhliches Stimmengewirr unterstrich die fetzige Musik. Ich grinste und wollte Anito auf andere Gedanken bringen.
„Komm! Aber ich wette, ich fall gleich hin!“, scherzte ich und klammerte mich an die Bande, während ich vorsichtig einen Fuß auf das Eis setzte. Tatsächlich rutschte ich fast weg und klammerte mich lachend fest. Dann zog ich mich wieder auf die Beine und stand einigermaßen sicher auf den Kurven. Anito hatte ein bisschen mehr Schwierigkeiten. Er glitt gleich in der ersten Kurve aus und landete auf seinen vier Buchstaben. Während er sich lachend wieder hochkämpfte ließ ich meinen Blick durch die Menge schweifen. Ich glitt ein Stück vorwärts und drehte mich um die eigene Achse, doch ich sah ihn nicht. Dann hörte ich einen entsetzten Schrei und im nächstem Moment saß ich auf dem Hintern und hielt mir die Schulter.
„Tut mir Leid!“, hörte ich jemanden sagen und brauchte zwanzig Sekunden, bis ich realisierte, dass diese Worte an mich gerichtete waren. Dankbar ergriff ich die mir hingestreckte Hand und ließ mich hochziehen. Dann sah ich auf und wäre fast wieder hingefallen, denn es war der Junge aus der Stadt.
„Wo wo! Vorsicht!“, meinte er und hielt mich fest, dann grinste er mich an und ich wusste, dass er mich auch wieder erkannt hatte. „Du hast wohl eine Vorliebe zu Zusammenstößen, oder? Diesmal war es aber meine Schuld, also sind wir quitt.“ Darauf viel mir nichts ein und ich grinste nur und klopfte mir den Schnee von der Hose. Er überlegte einen Moment, dann hielt er mir die Hand hin.
„Ich bin Fin. Und wie heißt du?“ Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen und schlug verlegen die Augen nieder.
„Haná.“, murmelte ich schüchtern. Er warf einen Blick über meine Schulter und grinste dann wieder.
„Schön dich kennenzulernen. Jetzt weiß ich, wenn ich das nächste Mal jemanden umfahre, wem ich eine Karte schicken muss.“ Er sah noch einmal nervös über meine Schulter, dann meinte er; „Ich glaub ich geh lieber. Dein Freund sieht nicht begeistert aus.“ Mir war sofort klar, dass er Anito meinte. Er ist nicht mein Freund!, wollte ich ihm noch hinterher rufen, doch ich brachte keinen Ton heraus und stand nur wie ein Obertrottel auf der Eisfläche und starrte ihm hinterher. Da bremste auch schon mein bester Freund neben mir.
„Das war doch der Typ, den du vorhin so angeglotzt hast, oder?“, wollte er misstrauisch wissen und ohne eine Antwort abzuwarten setzte er nach: „Was wollte der.“
„Er hat mich umgefahren.“, erwiderte ich trocken und Anito legte gleich los:
„Wahrscheinlich ist er viel zu sehr damit beschäftigt, den Mädels auf den Po zu schauen, als auf seinen Weg zu achten.“ In diesem Moment hätte ich ihm am liebsten eine reingehauen, aber ich beherrschte mich und sagte nur:
„Das du immer gleich so übertreiben musst. Er hat doch nichts schlimmes gemacht.“ Anito murmelte noch ein paar Schimpfwörter in sich hinein und dann fuhren wir wieder los. Allmählich bekam ich den Dreh wieder raus und glitt lachend über das Eis, während Anito nach wie vor ein paar Schwierigkeiten hatte. Zwei Mal überholte mich der Junge aus der Stadt und winkte mir einmal sogar zu. Ein Glück, dass mein bester Freund nicht gesehen hatte, wie sehr ich danach strahlte.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 09, 2009 7:02 pm

Ich sag ja: WoW Shocked
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Yhji
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Sa Mai 16, 2009 10:42 pm

In diesem Moment knackte der Lautsprecher unheilverkündend und eine freundlich Stimme donnerte durch das Stadion.
„Gut, und nun kommt zur Feier des Abends zum richtig sportlichem Teil! Mal schauen, wie gut ihr auf dem Eis tanzen könnt!“ Ich drehte mich auf dem Eis herum und starrte Anito mit strahlenden Augen und offenem Mund an.
„Das hast du mir gar nicht gesagt!“, rief ich anklagen, lachte aber schon, als er meine Hände nahm.
„Ich weiß. Sollte ja auch eine Überraschung werden.“ Ich hätte ihm am liebsten gegen das Schienbein getreten, aber da sich das mit Schlittschuhen als schwierig gestalten könnte, beschloss ich großherzig, darauf zu verzichten. Die Musik setzte ein und viel Paare fanden sich zusammen. Unauffällig warf ich einen Blick über Anitos Schulter und suchte mit den Augen die Pärchen an. Fin war nicht dabei und ich war erleichtert und hasste mich dafür. Dann entdeckte ich ihn. Er lehnte an der Bande und sah zu uns herüber.
Rasch wandte ich den Blick ab. Ich wollte nicht, dass er dachte, dass ich ihn beobachtete, nein falsch ich wollte nicht, dass er bemerkte das ich ihn beobachtete.
Anito schien von alle dem nichts zu bemerken und das fand ich gut. Er schien Fin nicht leiden zu können.
Die Minuten zogen dahin und wir tanzten alle Lieder, als plötzlich jemand auf uns zukam. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich die höfliche, leichte Stimme in meinem Nacken hörte.
„Darf ich bitte den nächsten Tanz übernehmen?“ Anitos Halsmuskeln spannten sich an, aber er nickte knapp und fuhr davon.
Überrascht starrte ich ihm nach. Dann nahm Fin meine Hände und lächelte mich an.
„Hey! Ich wollte noch mal mit dir reden. Ich hab mich noch nicht dafür entschuldigt, dass ich ihn der Stadt so unfreundlich zu dir war. Das passiert mir leider öfters, wenn ich überrascht bin, also nehme es bitte nicht so persönlich.“ Mir hatte es wieder den Atem verschlagen und ich nickte nur und lächelte. Fin warf einen Blick über meine Schulter.
„Dein fester Freund will mich mit Blicken töten.“, erklärte er spöttisch und endlich kamen mir ein paar Worte über die Lippen.
„Er ist nicht mein fester Freund.“, gab ich trocken zurück und er starrte mich überrascht an.
„Sorry, aber ganz ehrlich er verhält sich so.“ Diese Worte brachten mich kurz zum nachdenken. Stimmt, er hatte recht. So wie er mich vor anderen Jungen beschütze, wie er immer für mich da sein wollte.... Allmählich dämmerte es mir.
„Nein, er ist nicht mein fester Freund. Er ist nur mein bester Freund.“, stellte ich nun mit fester Stimmer klar und Fin lächelte.
„Na dann hab ich ja noch eine Chance!“ Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass das als Witz gemeint war.
Fin tanze ziemlich gut, wenn auch nicht so gut wie Anito, aber das war mir egal. Ich genoss es einfach mit ihm zu tanzen. Er war viel gesprächiger als Anito und fragte mehr nach. Und Fin erzählte mehr von sich, was Anito fast nie getan hatte.
Am Ende des Liedes ließ er mich lächelnd los und meinte:
„Ich geh jetzt nach hause. Viel Spaß noch!“ Er winkte und glitt dann davon. Ich starrte ihm noch nach, als Anito auch schon neben mir war. Er hatte wieder sein typisches schiefes Lächeln aufgesetzt.
„Hey Kleine, können wir vielleicht gehen? Ich bin langsam echt müde.“ Auch ich verdrückte hinter vorgehaltener Hand ein Gähnen und nickte. Erleichtert lozte er mich von der Eisfläche, auf der sich lauter Paar auf Schlittschuhen in den Armen lagen.
Dass meine Füße taub vor Kälte waren, merkte ich erst, als ich die Schuhe auszog. Nach den engen, Hochhackigen Schlittschuhen, kamen mir meine flachen Tanzschuhe vor wie Pelzpantoffeln. Zusammen verließen wir das Stadium und Anito taute wieder ein wenig auf.
Draußen war es noch kälter, als drinnen. Außerdem war es so still, dass man unsre knirschenden Schritte im Schnee gut und deutlich hörte.
Als ich vor Kälte zitternd den Mantel um mich schlang legte Anito einen Arm um mich. Siehst du, dass ist schon wieder so ein Moment!, flüsterte eine giftig Stimme in meinem Kopf. Er verhält sich wieder, als wäre er dein fester Freund. Davor hätte ich diese Bewegung als völlig normal empfunden, doch das Gespräch mit Fin hatte mich zum Nachdenken gebracht, als schlüpfte ich geschickt darunter weg und lächelte.
„Danke, es geht schon.“ Anito zuckte nur mit den Schultern und tat gleichmütig, aber ich wusste, dass ihn das verletzt hatte und ich bereute es sofort, andererseits verschaffte es mir auch Genugtun, ihm seine Grenzen aufgewiesen zu haben.
Ich war fast erleichtert, als wir endlich vor meiner Haustür standen.
„Danke, das hat voll Spaß gemacht!“, versuchte ich ihn wieder aufzuheitern und es funktionierte. Er lächelte und es sah aus, als würde ihm ein Zentner Steine vom Herzen fallen.
„Ja mir auch. Wir sehen uns ja im Training. Gute Nacht Kleine.“ Er lächelte und mit einem Seufzer schlug ich die Tür zu. Im Flur war alles dunkel und ich lehnte mich an das kühle Holz und atmete dann erst einmal tief durch. Endlich konnte ich wieder klar denken und das machte die Sache nicht gerade leichter.
Ich zog die Schuhe aus und schlich die Treppe hoch. Oben zögerte ich kurz und wandte mich dann an die Tür meines Bruders. Es brannte noch Licht und gedämpfte Musik drang heraus. Ich klopfte leise und schlüpfte hinein.
Kiyoshi sah überrascht auf. „Hey Schwesterchen. Was gibt’s?“ Ich seufzte und ließ mich auf sein Bett fallen.
„Ich weiß nicht. Ich hab so ein bisschen über Anito nachgedacht. Er ist irgendwie so komisch. Er verhält sich so, als wären wir ein Paar.“ Kiyoshi nickte und setzte sich neben mich.
„Weißt du, darüber hab ich auch schon nachgedacht und alles abgewogen, aber er ist nicht in dich verliebt! Da bin ich mir zu tausend Prozent sicher. Er sieht dich eher an wie eine Schwester. Ich glaube, die Eifersucht, die er manchmal zeigt ist eher die eines Bruders. So wie ich auch eifersüchtig bin, wenn du nichts mehr mit mir unternimmst. Ich bin mir ganz sicher Haná. Er hat es mir selbst erzählt.“ Es war, als hätte man ein riesiges Gewicht von meinen Schultern genommen und ich konnte nichts dagegen machen, dass ich strahlte. Sofort konnte ich wieder normal über Anito denken.
„Danke, dass habe ich jetzt gebrauch.“, seufzte ich und umarmte meinen Bruder kurz.
„Kein Problem, wozu sind Brüder denn da?“ Er klopfte mir kumpelhaft auf den Rücken und ich lächelte noch einmal, dann ging ich leise aus dem Zimmer.
Jetzt brauchte ich unbedingt eine heiße Dusche. Ich war durchgefroren bi auf die Knochen und meine Finger fühlten sich an, als hätte jemand das Blut aus ihnen hinausgepumpt.
Dankbar ließ ich das Wasser über meinen Kopf strömen und als ich fertig war hatte ich das Gefühl, noch nie so sauber gewesen zu sein.
Mir die Haare noch mit einem Handtuch frottierend ging ich in mein Zimmer und überlegte, ob es nicht an der Zeit wäre, die kurz Pink Panther Shorts gegen eine lange Schlafanzughose zu Tauschen.
Mit einem breitem Grinsen registrierte ich, dass jemand meine Heizung aufgedreht hatte und eine Wärmflache in mein Bett gelegt hatte.
Barfuss tappte ich über den weichen Teppich und währe fast über meine Schultasche geflogen weil ich das Licht nicht angeschaltet hatte. Mit einem wohligem Seufzer kroch ich ins Bett und zog die Decke hoch. Miene Muskeln schmerzten und allmählich begannen meine Zehen aufzutauen. Ich war so müde, dass ich noch nicht mal über den heutigen Tag nachdenken konnte, sondern gleich wegdämmerte.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Fr Mai 22, 2009 3:58 pm

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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   So Mai 31, 2009 7:07 pm

5. Kapitel

Ich wachte von meinem Lieblingslied auf, das von meinem Wecker auf dem Nachttisch kam. Gähnend fuhr ich mir durch die zerzausten Haare und warf tastend alle möglichen Sachen von meinem Nachttisch, bis ich endlich den Wecker zu fassen bekam und ausschaltete.
Langsam setzte ich mich auf und schlug die Decke zurück.
Das Licht, dass eigentlich zum Fenster hereinkommen sollte wurde durch eine dicke Schneeschicht gedämpft, die auf dem Dachfenster lag, aber die Tür zum Balkon ließ ein gleißend weißes Licht herein. Bei so einem Wetter hatte ich gar keine Lust aufzustehen und aus dem warmen weichem Bett zu steigen.
Erst jetzt registrierte ich den Muskelkater in meinen Oberschenkeln und stöhnend vergrub ich das Gesicht in der Decke und ließ mich zurück auf den Rücken fallen.
Da flog meine Zimmertür auf und Kiyoshi kam hereingeplatzt und riss mir zur Begrüßung die Decke weg.
„Hey Schwesterchen! Komm wach auf der Weihnachtsbaum ist da! Und ich brauche deine Hilfe!“ Verschlafen blickte ich zu ihm auf und angelte erfolglos nach meiner Decke.
„Wobei denn?“ Ich gähnte und setzte mich wieder hin.
„Ich hab noch kein Geschenk für Papa.“, gestand er und ich legte den Kopf in den Nacken und lachte müde.
„Na schön aber jetzt verzieh dich ich will mich anziehen!“ Ich fuchtelte Richtung Tür, schnappte ihm die Decke weg und sprang auf die Füße. Er lachte, piekste mich in die Seite und schloss die Tür von außen. Einen Moment wankte ich, dann tappte ich zu meinem Kleiderschrank und riss ihn auf. Ich hatte so viele Klamotten das ich für jeden Tag des Jahres eine andere Kombination anziehen könnte. Ich wühlte ein bisschen herum, bis ich mich für meine graue Röhrenjeans und den dicken roten Pulli entschied und in beides schnell hineinschlüpfte.
Dann ging ich ins Bad und kämmte mir die langen schwarzen Haare und steckte sie schließlich nach langen Überlegungen hoch. Ich war gerade dabei mir die Wimpern ein wenig zu tuschen, als es an der Tür klopfte und Kiyoshis Stimme zu mir durchdrang.
„Beeil dich! Unsere Alten sind heute auf einer Firmenparty und wir haben den ganzen Tag sturmfrei. Ich hab schon frühstück gemacht und bald wird der Kaffee kalt.“ Ich grinste, steckte die Tusche weg und hätte meinem Bruder fast mit der Tür die Nase in den Schädel gerammt, als ich sie vehement aufriss.
„Hoppla tut mir Leid!“, behauptete ich unschuldig und rannte strumpfsockig vor ihm die Treppe hinunter. Zum Glück war das ganze Haus geheizt und ließ nichts von der Winterlichen Kälte herein und doch fröstelte es mich, als ich in den schneebedeckten Garten sah und die Eiszapfen bemerkte, die von unserem Garagendach herabwuchsen wie riesige durchsichtige Dolche, bereit jeden Fremden den Schädel zu spalten. Ich ging zu der großen Terrassentür und lehnte mich an das eiskalte Glas, dann kniff ich die Augen zusammen und sah den trudelnden Schneeflocken entgegen, die vor dem weißem Himmel grau wirkten.
Unser Wohnzimmer war ziemlich groß. Vor dem Fenster stand der schwarze Tisch, der unter einer Art langen Lampe stand und im hinteren Teil standen zwei beige Couchs vor einem Breitbildfernseher. Ein pflaumenblauer Teppich verdeckte größten Teils die sauberen weißen Fliesen und ein Teil der Wand war ebenfalls in einem leichtem Blauton gestrichen. Einige Bilder, die meist Landschaften zeigten hingen an den Wänden und auf kleinen Hockern waren große Blumentöpfe mit allen möglichen gutduftenden Blumen. Ich hatte mich an alles so gewöhnt, dass ich es gar nicht mehr registrierte. Ich erinnerte mich auch nicht mehr an Meine Ankunft vor neun Jahren, wo ich alles mit offenem Mund und kugelrunden Augen gesehen hatte.
Kiyoshi knallte etwas auf den Tisch und ließ mich zusammenzucken.
„Hey Schwesterchen! Kommst du jetzt endlich mal frühstücken? Ich verhungere! Warum müssen Mädchen eigentlich immer so lange schlafen?“ ich wandte mich zu ihm um und schleppte mich zum Tisch, der bereits gedeckt war.
„Bis neun ist nicht lang! Das ist absolut in Ordnung.“ Ich gähnte und ließ mich auf einen hochlehnigen Stuhl fallen. „Danke fürs Frühstück machen.“ Seine Antwort ging in dem Marmeladenbrot unter, das er’s ich gerade in den Mund schob. Grinsend schmierte ich mir Butter auf ein Brot und kippte Zucker in den Kaffee.
„Nachher musst du dir den Baum anschauen und dann gehen wir in die Stadt, okay? Du bist kreativer als ich und dir fällt bestimmt etwas ein.“, schmatze mein Bruder und schmierte sich noch ein Marmeladenbrot. Dass Jungs in seinem Alter immer so viel essen konnten und dabei nicht mal zunahmen war echt ziemlich komisch. Ich biss in mein Brot und schüttete gleich einen Schluck Kaffee hinterher.
„Wer kommt eigentlich zu Weihnachten?“, fragte ich und betrachte ihn gespannt. Er schluckte einen gewaltigen Bissen hinunter und schnappte sich noch ein Brötchen während ich immer noch an meinem ersten kaute.
„Ach Mum hat die Trâis eingeladen. Und Layla kommt dann natürlich auch, wenn Anito kommt.“ Bei der Erwähnung seines Namens hatte ich das unangenehme Gefühl, dass mir jemand den Magen herausriss. Ich hatte zwar nicht vergessen, was Kiyoshi gestern gesagt hatte, was mich natürlich auch beruhigt hatte, aber ich konnte auch seine stechenden Blicke nicht vergessen. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf und trank noch einen Schluck.
„Weißt du auch etwas von den Essensplänen?“ Kiyoshi war um einiges besser informiert als ich, was daran lag, dass er immer als Erster aus der Familie auf den Beinen war.
Ich schnappte ihm sein fünftes Brötchen vom Teller, ehe er hineinbeißen konnte und wartete.
„Naja, wenn ich alles richtig mitgekriegt hab will Mum Kartoffelsalat und Entenbraten machen.“ Ich verzog das Gesicht, da ich Ente nicht ausstehen konnte, wohingegen Kartoffelsalat mein Leibgericht war. Mein Bruder grinste in seine Tasse und stürzte den Rest hinunter, während ich das Brot schnell in meinen Mund schob.
„Bist du fertig?“, fragte er und ich nickte, während ich mir die mehlbestäubten Hände abwischte. Kiyoshi schnappte sich meinen Teller uns Tasse und räumte sie auf, während ich die Marmeladengläser in den Schrank zurückstellte, dann gingen wir in den Flur und zogen uns an. Ich dankte dem Himmel dass ich gestern meine warmen Stiefel runtergeholt hatte und die warmen Handschuhe. Ich setzte meine weiße Bommelmütze auf und schlüpfte in den Mantel, dann war ich auch schon fertig.
„Hier!“, Kiyoshi warf mir meinen Schal zu und ich fing ihn grinsend auf. Ohne ihn würde ich echt immer die Hälfte vergessen. Ich wickelte mir den Schal um den Hals und überprüfte schnell mein Spiegelbild in dem großem Spiegel an der Wand. Mein Bruder riss schon die Tür auf und eisige Luft stieg herein. Ich verschränkte die Hände wärmend vor dem Körper und folgte ihm nach draußen. Mir verschlug es den Atem, als die eisige Luft in meine Lungen stach und mein Gesicht fühlte sich sofort taub an. Die ersten Schneeflocken blieben an meinen Haaren hängen und Kiyoshi hinterließ große Fußabdrücke in dem tiefem Schnee. Vorsichtig darauf bedacht in seine Fußstapfen zu treten folgte ich ihm.
„Sch dir den an, der ist doch echt der Hammer!“, rief er und winkte mir zu. Rasch beschleunigte ich meine Schritte und stand wenig später neben ihm. In unserem Garten lag eine gigantische Tanne, allerdings noch in ihrem Netz.
„Oha!“, stieß ich hervor und die Worte gefroren vor mir in der Luft. Fachmännisch machte Kiyoshi sich am Stamm zu schaffen.
„Ich glaube, den müssen wir ein wenig abschneiden, sonst passt der Baum nicht rein.“, erklärte er, was ich ihm ohne weiteres glaubte. Der Baum sah für mich Nichtkenner so aus, als würde er sogar zu groß für die Kirche sein. Allerdings fand ich unseren Weihnachtsbaum nicht mal halb so spannend wie mein Bruder und wandte meine Aufmerksamkeit der Straße zu.
Heute fuhren nur relativ wenige Autos und auch deren Geräusche dämpfe der Schnee ziemlich. Die einzigen die an unserem Haus vorbeigingen hatten sich in ihre Mäntel vergraben und die Autos am Straßenrand sahen wie große Schneeberge aus.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Di Jun 30, 2009 7:01 pm

„Sag mal hörst du mir eigentlich zu?“ Ich wirbelte herum und zwar genau im falschem Moment, denn genau da warf Kiyoshi einen Schneeball, der mich mitten im Gesicht traf. Prustend wischte ich mir den Schnee aus den Augen und schnappt mir dann selbst einen Schneeball.
„Na warte! Ich krieg dich!“, drohte ich und raste ihm hinterher, als er sich Richtung Straße flüchten wollte. Leider war ich schneller als er, warf mich auf ihn und zusammen kippten wir in einen Schneehaufen. Ich warf noch schnell einen Haufen auf sein Gesicht und richtete mich dann auf und klopfte mir den Schnee vom Mantel. Meine Handschuhe waren bereits nass und meine Finger klamm.
In diesem Moment kamen zwei Gestalten auf uns zugerannt. Ich blinzelte gegen die Schneeflocken die mir plötzlich ins Gesicht wehten und sah noch aus den Augenwinkeln, wie mein Bruder sich aufrichtete und sich prustend das Haar aus den Augen schüttelte. Die zwei Jungen, die nun an uns vorbeistürmten hatten nur einen kurzen Blick für uns übrig, doch plötzlich drehte sich der eine noch mal um und rutschte aus. Der Länge nach schlug er in den Schnee und sein Kumpel drehte sich grinsend um, um ihm aufzuhelfen. Jetzt erst erkannte ich den einen der Beiden und mein Magen überschlug sich. Es war Fin und er strahlte. Er winkte mir und warf Kiyoshi einen scheelen Blick zu. Ich spürte den Atem meines Bruders im Nacken, als er sich vorbeugte und fragte:
„Wer um alles in der Welt ist das?“ Ich winkte zurück und wandte ihnen dann den Rücken zu.
„Ach den Kerl hab ich gestern getroffen. Der, von dem ich dir erzählt hab.“ Kiyoshi hob eine Augenbraue.
„Der den du so toll findest?“ Ich schubste ihn wäre fast selber umgefallen. Mein Bruder lachte und hielt mich fest.
„Pass bloß auf, sonst verliere ich dich noch. Und das wäre schrecklich!“ Das war wieder einer der Momente, wo er mir mehr wie ein Freund vorkam und nicht wie mein Bruder. Auch erinnerte ich mich ab und zu daran, dass wir gar keine leiblichen Geschwister waren. Hin und wieder bemerkte ich, dass auch er daran dachte und das waren die Momente, wo er ein bisschen auf Abstand ging. Ich schüttelte rasch den Kopf um den Gedanken loszuwerden und hakte mich bei ihm ein, doch er entwand sich geschickt.
„Hör auf!“, rief er lachend und schüttelte ebenfalls den Kopf. „Einhaken, so was machen nur Mädchen.“ Ich versuchte ihm auf den Fuß zu treten, doch Kiyoshi war zu geschickt für mich. Kichernd hüpfte ich hinter ihm her und glitt aus. Ich merkte noch, wie ich nach hinten fiel, sah noch meinen Bruder, wie er sich entsetzt umdrehte und dann hielt mich jemand fest.
„Dich kann man echt keinen Moment allein lassen, was?“ Ich erstarrte. Diese Stimme kannte ich und als ich herumwirbelte wäre ich fast wieder umgefallen. Fin stand vor mir und grinste.
„Hey Haná! Wie geht’s?“, grüßte er und lächelte noch breiter. Ich zwang der Überraschung in meinem Gesicht einem Lächeln Platz zu machen und antwortete ein wenig schüchtern.
„Hallo Fin!“ Ich biss mir auf die Lippe während er sich die Haare aus den Augen schüttelte.
„Warum schaut der Kerl so interessiert?“, wollte er plötzlich wissen und schielte über meine Schulter. Ich wusste, wen er meinte und war froh darüber, dass ich jetzt mehr als nur sinnloses Gestotter von mir geben konnte.
„Ach das ist nur mein Bruder. Er wartet auf mich.“, erklärte ich und gestikulierte ein bisschen unsicher, aber er lachte.
„Du bist ständig mit Jungs unterwegs, aber keiner ist dein Freund. Warum macht ihr so einen langen Spaziergang? Es ist doch schweinekalt.“ Seine Augen blieben an meinen blauen Lippen hängen und ich grinste ein wenig belustigt.
„Wir sind gerade auf dem Weg in die Stadt und lange unterwegs sind wir auch nicht. Eigentlich sind wir gerade erst losgegangen.“ Seine Augen wurden wachsam.
„Wieso wo wohnt ihr denn?“, fragte er möglichst beiläufig und ich konnte nur schwer den Impuls unterdrücken die Augen zu verdrehen.
„Gleich da vorne!“, ich fuchtelte in eine unbestimmte Richtung und Fin zog wieder eine Augenbraue hoch, was mich ein wenig neidisch machte. Früher stand ich stundenlang vor dem Spiegel und hatte das geübt, aber es war mir nie gelungen. Nach einer Woche hatte ich es schließlich aufgegeben.
„Hey Fräulein Dynja! Geruhst du heute noch zu kommen?“ Ich drehte mich zu Kiyoshi und sah ein wenig frustriert, dass er grinste. Fin hinter mir hustete und ich wirbelte wieder herum, wobei ich fast umfiel.
„Na, du siehst, wir haben es eilig!“, rief ich zu, und rannte zu meinem Bruder, bevor ich noch einmal winkte. Dieser empfing mich breit grinsend.
„Was war das denn?“, schimpfte ich los, kaum dass die anderen beiden Jungs außer Hörweite waren und Kiyoshi schnitt mir eine Grimasse.
„Naja, ich wollte ihm nur helfen herauszufinden, wo er dich finden kann.“, erklärte er kurz und bündig, was mich nicht gerade aufmunterte.
„Wie überaus großzügig. Ich schicke dir ein Dankesschreiben, wenn ich die Zeit finde.“ Ich wusste selber nicht, warum es mich ärgerte, dass er jetzt wusste, wo ich wohnte. Vielleicht, weil ich selber nichts über ihn und seinen Wohnort wusste. Ich seufzte und zog die Nase kraus.
Bald darauf kamen wir in der Stadt an. Hier blinkte alles voll von Neonschriften und das Aufgebot an Waren war überwältigend. Kiyoshi schleifte mich zuerst in einen kleinen, vollgestopften Laden, in dem es nur so von Schnäppchensuchern wimmelte. Ich drehte mich um die eigene Achse, was schwierig war, da ich aufpassen musste niemandem auf den Fuß zu steigen. Der Laden war voller Kleinkram und Sammelstücken. Einige Räucherstäbchen ließen blauen Rauch in die staubige Luft aufsteigen und es roch nach verbrannten Plätzchen. Ich wandte mich meinem Bruder zu, wobei ich fast eine alte Dame kopfüber in einen Ladentisch stieß.
„Das ist nicht wirklich dein Ernst oder? Das Zeug hier ist nur was für alte Sammelomis und verrückte Tourristen!“ Ich hustete in die rauchige und kaum atembare Luft und zerrte ihn kurzerhand auf die überfüllte Straße, wo ich hastig sie frische Luft einsog.
„Vielleicht hast du recht, aber immerhin kennst du dich mit so einem Kram aus und nicht ich.“, verteidigte er sich und ich beschloss ihm seinen schrecklichen Geschmack zu verzeihen. Plötzlich misstrauisch bleib ich stehen.
„Ähm nur so. Was schenkst du dann Layla?!“ Diese Frage schien mir hier angebracht und ich konnte nichts gegen die Sorge machen, die sich in mir breitgemacht hatte. Er grinste breit.
„Eine Haarspange mit Elfeanten aus Elfenbein.“, erklärte er stolz und ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Das war ja gerade noch einmal gut gegangen. Allerdings bereute ich es bereits, stehen geblieben zu sein, denn so setzte mir der Wind und die Kälte viel mehr zu und so kämpften wir uns schließlich vorwärts.
Endlich entdeckte ich einen halbwegs brauchbaren Laden und deutete darauf.
„Schau mal. Was schenkt man Vätern zu Weihnachten? Da kommt jedes Kind drauf! Socken!“ Kiyoshi starrte mich ungläubig an, während der eisige Wind in meinen Augen brannte.
„Aber das ist doch langweilig! Einfallslos!“ Ich grinste und schüttelte den Kopf.
„Die da nicht! Komm!“, rief ich über den heulenden Wind und zerrte ihn mit.
In diesem Laden war es angenehm warum und ich streifte sofort meine Handschuhe ab. Hier war es auch nicht so voll und die Luft war gut. Außerdem war der Laden gut strukturiert und nicht so vollgestopft. Vergnügt rannte ich zu einem Ständer und riss ein Paar hinunter.
„Sieh mal! Ist das langweilig?“, fragte ich und wedelte mit den Neongrün, pinken Wollsocken vor seinem Gesicht herum, wobei die daran hängenden Glöckchen bimmelten. Er lachte.
„Nein! Aber hässlich!“, erwiderte er und ich hängte sie grinsend wieder zurück.
Ein Paar Socken zu suchen machte uns Spaß. Wir holten die unmöglichsten hervor und lachten uns dabei halb tot. Plötzlich tauchte Kiyoshi mit einem unglaublichem Paar hinter einem Ständer auf.
„Was hältst du davon? Ich glaube, die nehme ich als Gag!“ Ich drehte mich um und brach in schallendes Gelächter aus. Er hatte die mit Abstand hässlichsten Socken des ganzen Ladens gefunden. Sie waren Neongelb und weiche stacheln in einem nicht weniger knalligem Grün standen von ihm ab. An jedem ende hing ein aufdringlich klingelndes Glöckchen.
„Die sind einfach genial! Die musst du einfach nehmen!“ Ich konnte mich vor Lachen kaum noch halten.
Als wir den Laden verlassen hatten war es noch um einiges kälter geworden. Ich biss die Zähne zusammen und sah mich um.
„Vielleicht solltest du noch was anständiges dazu kaufen.“, schlug ich vor und deutete nach links. Kiyoshi nickte. Selbst ihn schien es zu frieren und wir machten und schnell durch die Menge davon, wobei wir einige Rauscher geschickt umgingen. Ich hasste es den ekligen Zigarettenrauch ins Gesicht zu bekommen.
Zum Glück fanden wir bald einen passenden Laden.
„Hier rein!“; rief mein Bruder und ich folgte nur zu gerne. Der Laden war schlicht gut geheizt und sauber. Außerdem war er nicht sonderlich groß und wir waren die einzigen Kunden. Ich brauchte einen Moment, bis ich sah, was hier angeboten wurde.
„Woah ich dachte nicht das du so genial sein kannst! Das ist genau das richtige für ihn!“ Kiyoshi lächelte und sah sich nach dem Verkäufer um.
„Ich weiß ja, dass er handwerkliche Sachen mag und da dachte ich Schnitzen wäre vielleicht nicht schlecht.“ Er zuckte mit den Schultern und schlug auf die Glocke am Ladentisch. Ein grauhaariger kleiner Mann mit überdimensionalem Schnurrbart kam sofort angewuselt. Er schien schon ziemlich alt zu sein, denn tiefe Furchen zeichneten sein eingefallenes Gesicht.
„Guten Tag der Herr. Was kann ich für sie tun?“, erkundigte er sich höflich und ich lächelte, während Kiyoshi haarklein zu beschrieben begann, was er brauchte.
Ich schritt inzwischen die Regale ab und sog den angenehmen Geruch von dem frischbearbeitetem Holz ein.
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BeitragThema: Re: Eure Geschichten   Mo Sep 07, 2009 1:14 am

Die Schnitzmesser, die in samtenen oder hölzernen Kästchen lagen waren alle wunderbar poliert und schimmerten in dem Neonlicht. Es gab viele davon in unterschiedlichen Größen, Längen und Schärfen. Manche waren verziert, andere wiederum nicht. Hier und da stand auch eine kleine geschnitzte Holzfigur neben den Messern.
All das war wunderschön und ich ging langsam weiter. Meine Schritte knarrten auf den Dielen und erst jetzt bemerkte ich, dass Kiyoshi schon and er Tür war.
„Hey Haná! Komm endlich! Ich hab alles! Ich will zurück! Es ist schweinekalt.“ Ich fuhr zusammen, riss mich von dem feingliedrigem Holzelefanten los und rannte meinem Bruder hinterher. Kurz bevor er die Tür öffnete hielt er mit triumphierend ein kleines Holzkästchen hin. „Ich habe ein ganz tolles Messer gekauft!“ Ich knuffte ihn in die Seite und er riss die Tür auf.
Es wehte kein Wind mehr und trotzdem waren die Straßen wie leergefegt. Warum war offensichtlich
Der Schnee fiel immer dichter und die dicken Flocken schmiegten sich auf den Boden. Lautlos gingen wir nach draußen. Es war noch kälter geworden und ich begann sofort zu frieren.
Fünf Minuten später hatte der Schneefall sich so sehr verdichtet, dass man die Hand kaum vor Augen sehen konnte.
„Shit! Komm wir setzten uns irgendwo rein.“, meinte Kiyoshi und ich folgte ihm. Wir rissen wahllos die nächste Tür auf und schlüpften hinein. Erleichtert ließ ich die Luft aus, die ich angehalten hatte. Wir waren in einem Cafe gelandet und nicht in irgendeinem bescheuertem Laden, wie ich befürchtet hatte.
„Puh! Ich frage mich wie wir da heute nach hause kommen sollen!“, rief er und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren wie ein Hund. Ich zog meine Handschuhe aus und riss mit klammen Fingern meine Mütze vom Kopf. Dann blinzelte ich und sah mich um.
Viele schienen sich vor dem Wetter hier hinein gerettet zu haben. Es war ziemlich voll und alle Tische waren besetzt.
Plötzlich rief jemand meinen Namen und ich sah mich suchend um. Da entdeckte ich meine beste Freundin Julia, die alleine an einem Tisch in der Ecke saß. Ich grinste, überließ Kiyoshi seinem Spiegelbild, dass er in einer Fensterscheibe musterte und zwängte mich zu ihr hindurch.
Nachdem ich mehreren Einkaufstüten und Füßen ausgewichen war konnte ich mir ihr gegenüber auf einen Barhocker fallen lassen. Ihr blauer Mantel hing nachlässig über der Stuhllehne und ihre Schminke war ein wenig verwischt. Ich umarmte sie kurz über den Tisch.
„Hey! Was machst du denn hier? Ich dachte du warst schon gestern shoppen.“, wunderte ich mich und sie schenkte mir eines ihrer strahlenden Lächeln.
„Ach weißt du, ich hab was vergessen.“ Sie deutete auf ihre Tüte. „Nämlich dein Weihnachtsgeschenk.“ Sie machte einen langen Hals. „Ist Kiyoshi auch da?“ Ein Hoffnungsschimmer machte sich auf ihrem Gesicht breit und ich seufzte.
„Man Julia. Er ist vergeben.“, erinnerte ich sie und sie senkte beschämt den Kopf.
„Sorry. Ähm.. was machst du eigentlich hier?“ Ich lächelte sie an und verdrehte die Augen.
„Naja mein Bruderherz hat Hilfe bei den Weihnachtsgeschenken gebraucht.“ Sie lachte glockenhell und plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf.
„Hey weißt du schon das Neuste? Ein Neuer kommt in unsere Klasse!“ ich riss die Augen auf.
„Echt jetzt? Woher weißt du das denn nun schon wieder?“ Sie grinste und zwinkerte.
„Naja ich habe gestern beim Shoppen unseren feinen Herrn Lehrer getroffen und er hat es mir ganz aufgeregt erzählt. Der ist wohl irgendwie Schauspieler oder so.“ Ihre Augen leuchteten vor Aufregung und ich wusste, dass sie sich gerade fragte, ob er wohl gut aussah. Ich holte sie mit einem gezieltem Schienbeintritt in die Wirklichkeit zurück.
„Hey! Vielleicht ist er ja ein komplettes Arschloch!“, gab ich zu bedenken und sie lächelte selig.
„Nein. Das glaub ich nicht.“ Ich seufzte schwer. Sie glaubte wirklich, alle Menschen die bekannt waren oder viel Geld hatten waren nett. Dabei war das leider ein wenig anders. Sie wusste nicht, was ich damals durchgemacht hatte, als ich in die Schule gekommen war.
Plötzlich setzte ich mich verspannt hin. Schmerz durchzuckte mein Gesicht und meine Finger klammerten sich an die Tischkante. Alle Farbe wich aus meinem Gesicht und das erste Mal seit längerem stiegen mir Tränen in die Augen. Wie lange hatte ich das alles verdrängt, wie lange hatte ich nicht mehr an sie gedacht und das obwohl ich die ganze Zeit eine Erinnerung an sie bei mir trug, zuhause auf dem Schreibtisch, Annas Querflöte.
Julias Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Was war mit meiner Schwester? Warum hatte ich all die Jahre nicht an sie gedacht? An meine Schwester, meine Leibliche, die einzige, die von meiner ganzen Familie übrig geblieben war? Oder an Ayumi, die mich wie ihre eigene Tochter geliebt und versorgt hatte. Und was war mit Janosch? Meinem besten ersten Freund? Jetzt wo ich an ihn dachte erschien sein Gesicht vor mir und mein Herz wurde ganz schwer. Es war nur noch verschwommen, wie das von meiner Schwester auch, als würde ich es durch eine beschlagene Scheibe betrachten. Ich hasste mich dafür, dass ich all die Jahre nicht an sie gedacht hatte.
„Haná? Geht’s dir gut?“ Julia betrachte mich besorgt und ich riss mich zusammen und lächelte sie gezwungen an.
„Ja, passt schon. Du ich muss jetzt nach hause! Bis Montag!“, murmelte ich und stand auf.
Es war, als bewegte ich mich an Bändern, als würde ich durch einen luftleeren Raum wandeln. Wie in Zeitlupe ging ich zur Tür und setzte meine Mütze auf. Die Handschuhe streifte ich mir noch in der selben Bewegung über und dann war ich draußen auf der schneeweißen Straße. Ich bemerkte die Kälte und den Wind nicht, auch die Schneeflocken trieben an mir vorbei wie ein Traum. Meine Füße trugen mich vorwärts, ich wusste nicht wohin. Die Bilder meines Freundes und meiner Schwester pochten anklagend in meinem Kopf, als würde sie mich zur Rede stellen wollen. Warum hast du uns vergessen? Warum Haná?
Endlich löste sich die erste Träne von meinen Wimpern und rollte über meine Wange hinab. Als die heißen Tränen in den Schnee fielen brannten sie stecknadelkopfgroße Löcher hinein, doch sie wurden gleich von neuen Schneeflocken gefüllt.
Erst als meine Hand gepackt und ich herumgerissen wurde nahm ich die Geräusche wieder wahr und der Schleier wurde von meinen Augen gerissen. Die ganze Tränenflut brach nun herab.
Kiyoshi nahm mich in den Arm und ich vergrub das Gesicht in seiner Jacke und schluchzte leise. Der Wind peitschte die Schneeflocken um uns herum und heulte um die Hausecken. Mein Bruder streichelte mir über das Haar und beruhigte mich. Als ich aufgehört hatte zu zittern nahm er mich an der Hand und ging langsam vorwärts. Wir beide wussten, dass wir uns zuhause unterhalten mussten.
Das mochte ich so an Kiyoshi. Er wusste, wann es klüger war, abzuwarten und wieso. Schweigen kämpften wir uns vorwärts und hatten die Köpfe gegen den Wind gebeugt. Wie eiserne Nadeln stachen uns die Flocken ins Gesicht und allmählich wurden meine Glieder streif. Der Schnee ging uns schon bis zum Schienbein und es wurde immer mehr. Das Tränenwasser gefror in meinem Gesicht und ich war unfähig den Mund zu verziehen oder überhaupt zu bewegen.
Nach einer Ewigkeit wie es mir schien schloss Kiyoshi unsere Haustür auf und wir stolperten hinein. Immer noch schweigend hängten wir unsere Mäntel auf und zogen Mütze, Schal und Handschuhe aus.
Während ich noch mein Spiegelbild anstarrte ging er schon einmal in die Küche, wo bald das Zischen unseres Wasserkochers zu hören war. Ich stand immer noch regungslos da und starrte mein Spiegelbild an. Vor diesem Spiegel war ich groß geworden. Ich hatte es geliebt hineinzuschauen und Grimassen zu schneiden, oder neue Frisuren zu betrachten. Immer war mein Gesicht fröhlich gewesen doch nun...
Meine Augen waren ausdruckslos und mein Mund eine verzweifelte Linie. Die schwarzen Haare hingen schlaff herunter und ein paar Schneeflocken glitzerten ihn ihnen und noch während ich hinsah schmolzen sie unter meinen Blicken. Ich hob wie in Zeitlupe eine Hand und berührte die feine Narbe an meiner Wange. Wie lange war das her.
Kiyoshi riss mich aus den Gedanken, indem er meine Hand nahm mich ins Wohnzimmer zog, auf die Couch drückte und mir eine Tasse Tee gab. Dann setzte er sich völlig ernst neben mich. Ich nippte an der Tasse und die heiße Flüssigkeit brannte in meiner Kehle und mir trieb mir Tränen in die Augen.
Nach einer weiteren Minute Schweigen hielt Kiyoshi es nicht mehr aus.
„Bitte Haná. Das macht mich verrückt. Was war los?“ Schmerz spiegelte sich in seinen Augen. Mein Schmerz? Vielleicht. Ich hatte seit meiner Ankunft hier nie von meiner Vergangenheit gesprochen. Niemals und sie hatten mich in Ruhe gelassen, in der Hoffnung, dass sie die Wunden damit nicht wieder aufreißen würden und nun sieben Jahre später war es soweit.
„Ich habe wieder an sie gedacht.“ Meine Stimme zitterte ein wenig und Kiyoshi seufzte. Er wusste, wen ich meinte.
„Was ist eigentlich passiert? Du hast nie darüber gesprochen.“ Seine Stimme signalisierte mir, dass ich nicht darüber sprechen musste, wenn ich nicht wollte. Vielleicht war es endlich an der Zeit das Gift aus der Wunde zu drücken.
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